Aus einem freundlichen Weihnachtsbrief: Wir wohnen seit 31 Jahren in der Landeshauptstadt Montevideo, wo mein Mann als technischer Leiter der größten hiesigen Kunststoff-Fabrik angestellt ist. Die überwiegende Zahl der galizischen Mennoniten lebt 26 km vom Stadtzentrum in der Siedlung Nicolich, während nur sieben, zu den Lembergern gehörende Familien in Montevideo leben. Viele sind jedoch zu jung, um sich an die alte Heimat erinnern zu können.
Weihnachten unterm Kreuz des Südens bei unseren galizischen Landsleuten in MontevideoAus einem freundlichen Weihnachtsbrief: Wir wohnen seit 31 Jahren in der Landeshauptstadt Montevideo, wo mein Mann als technischer Leiter der größten hiesigen Kunststoff-Fabrik angestellt ist. Die überwiegende Zahl der galizischen Mennoniten lebt 26 km vom Stadtzentrum in der Siedlung Nicolich, während nur sieben, zu den Lembergern gehörende Familien in Montevideo leben. Viele sind jedoch zu jung, um sich an die alte Heimat erinnern zu können. Natürlich könnte man annehmen, dass wir uns nach 31 Jahren in diesem Lande völlig akklimatisiert haben. Und doch können wir uns immer noch nicht daran gewöhnen, Weihnachten um die Zeit der Sommersonnenwende zu feiern. Wie sollte auch die rechte Stimmung aufkommen, wenn die Sonne um die Mittagszeit nur 12 Grad nördlich vom Zenit steht und die Badesaison in vollem Gange ist! Es mutet uns immer noch seltsam an, zum Gottesdienst am Heiligen Abend bei hellem Sonnenschein durch den belebten Verkehr der Geschäftsviertel zu fahren, denn an diesem Abend ist erst um 24 Uhr Ladenschluss! Sobald man aber die vom Orgelklang erfüllte deutsch-evangelische Kirche betritt und der Pastor vor dem hell erleuchteten Weihnachtsbaume das Lukas-Evangelium von der Geburt unseres Herrn verkündet, beginnt der Heilige Abend. Die altvertrauten Weisen „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, „Es ist ein Ros’ entsprungen“ und „Ihr Kinderlein kommet“ werden von uns wie von allen Glaubensbrüdern in aller Welt gesungen. Den Rückweg schlagen wir ein entlang der eleganten, von Palmen umsäumten Strandpromenade auf weißsandigen, von Badefreudigen wimmelnden Stränden, um den Untergang der Sonne im Rio de la Plata bewundern zu können. – Und während wir den Heimweg fortsetzen, bricht unvermittelt das Dunkel herein. Daheim entzünden wir das mit Lametta geschmückte Zypressenbäumchen und tauschen beim Klang deutscher und polnischer Weihnachtslieder Geschenke aus. Das Abendmahl wird teilweise noch nach alter galizischer Tradition serviert: Es gibt Barschtsch [Borschtsch = Rote-Rüben-Suppe] mit Uschka [„öhrchen“-große Teigtaschen mit geschmorten Pilzen], gesülzten Fisch, Pierogi [Piroggen, mit Quarkfüllung bevorzugt] und Gołạbki [Golombki = gefüllte Kohlrouladen]. Anstelle der Kutja aus Graupen [wohl eher geschälte Weizenkörner], Mohn und Honig, die meine Mutter nie missen wollte, sind verschiedene Eissorten mit Nüssen, Mandeln etc. getreten. Unsere uruguayischen Nachbarn aber beginnen erst zu feiern, wenn wir unser Mahl beendet haben. In allen Wohnzimmerfenstern flimmern grellgrüne, bunt geschmückte Papierbäumchen und die stereotypen Gipsfiguren der Weihnachtskrippe stehen daneben. Im Familienkreise, mit Urahne, Großmutter, Mutter und Kind, wird der Heilige Abend im Garten oder im offenen Patio gefeiert. Ein Geruch von gegrillten Würstchen und Rindfleisch liegt über der ganzen Stadt. Allenthalben angeregtes Geplauder und Kindergeschrei, unterbaut von lautstarker Musik der Stereogeräte. Durch den allgemeinen Lärm dringt kein Glockenton. Und zu vorgerückter Stunde, genau um Mitternacht, als ob es Neujahr wäre, fliegen unter Kinderjubel unzählige Leuchtraketen zum prächtigen Nachthimmel. Unter den fremden Konstellationen leuchtet dort das viel besungene, richtungweisende Südkreuz und im Norden erstrahlt in unvergleichlichem Glanze der Orion, der gleiche, den ich einst als Kind am galizischen Winterhimmel mit meinem Vater bewunderte. Zuletzt noch ein Weihnachtsgedicht, das ich voriges Jahr zu einem Wettbewerb unserer Gemeinde einsandte: Weihnachten unterm Südkreuz Über schneebedeckten Fluren Schwebt der Weihnachtsglocken Ton; Und beim trauten Schein der Kerzen Rühmen mit bewegtem Herzen Menschenkinder Gottes Sohn. Selbst die Städte lauschen stille Auf der Domesglocken Fülle, Träumen von der fernen Nacht, Die den Heiland uns gebracht. Aber rings ums Heil’ge Land Glüht der Zwietracht Feuerbrand, Und der Pilger sehnt sich bang Nach der Engel Friedenssang. In der lauen Nacht des Südens Hört man keinen Glockenton, Denn Myriaden von Raketen Grüßen heute Gottes Sohn. Und bei Sternen und Planeten Über dieser Neuen Welt Strahlt ein Kreuz am Himmelszelt. Unter diesem Kreuz des Südens Denke voller Andacht ich: Jesus ist heut Nacht geboren Und er litt und starb für dich. Der Entschluss zur Auswanderung
Bereits im Oktober 1945 hatte das Mennonitische Zentralkomitee [MCC] einen Vertreter aus Kanada, Bruder F. C. Klassen, mit dem Auftrag nach Bayern entsandt, alle nach dem Westen geflüchteten Mitglieder der Mennonitengemeinden ausfindig zu machen. Er kam mit der Versicherung, dass man drüben der heimatlosen Glaubensbrüder in christlicher Nächstenliebe gedächte und alles unternehmen würde, um ihnen die Auswanderung nach Übersee zu ermöglichen. Mein Vater, Rudolf Bachmann, Mitglied der Gemeinde Lemberg-Kiernica, nahm diese, durch Verwandte übermittelte Nachricht als neue Lebenshoffnung für uns heimatlose Flüchtlinge auf. Wir lebten damals in einem kleinen Dorf in Niederbayern, hatten bei der überstürzten Flucht aus dem Wartheland alles Hab und Gut verloren, wir hungerten, waren arbeitslos und besaßen nur die allernötigste Garderobe. Am meisten aber litten wir unter der Ungewissheit über das Schicksal unserer nächsten Verwandten. Traurig sahen wir dem nahenden Weihnachtsfest entgegen, als das erste Geschenk christlicher Nächstenliebe in Form eines großen CARE-Paketes des Mennonitischen Hilfswerkes eintraf. Unsere Augen liefen über, als wir die vielen Kostbarkeiten auspackten: Schokolade, Kakao, Milch- und Eipulver, viele Konserven wie Corned Beef und Ham and Eggs [Speck und Eier], Lucky Strike-Zigaretten und andere amerikanische Spezialitäten. Die Zigaretten tauschten wir sogleich für verschiedene Lebensmittel ein. So konnten wir zum Heiligen Abend 1945 eine echte galizische Kutja und auch einen Weihnachtskarpfen auf den Tisch bringen. In dieser Winterszeit wollten die traurigen Nachrichten über unsere nächsten Familienangehörigen schier kein Ende nehmen: Oma Emma Frey war auf der Flucht verschollen, meine Großeltern Bachmann waren von den Tschechen vertrieben und misshandelt worden, Opa war unterwegs tot zusammengebrochen, während Oma kurz darauf vor Erschöpfung und Hunger starb, Papas ältester Bruder Siegmund, Diplomlandwirt, war beim Vormarsch der Russen tragisch verstorben, Papas jüngerer Bruder Julius wurde auf der Flucht aus Kutno von den Russen überholt und verschleppt, Mutters beide Neffen, Helmut und Ederle [Eduard] Frey waren in den letzten Tagen des Krieges gefallen. – Wir konnten Papas jüngsten Bruder, Diplomforstingenieur Richard Bachmann mit Familie in Hessen ausfindig machen, Mamas Bruder Eduard Frey, ebenfalls Diplomforstingenieur, war mit seiner Familie im Bayrischen Wald, Papas Schwägerin Johanna (Janka) lebte mit ihren Töchtern und ihrer Mutter in unserer Nähe. Unter dem Eindruck dieser schrecklichen Erlebnisse beschloss der Restbestand unserer dezimierten Familien, geschlossen auszuwandern und immer zusammenzubleiben. Die einzige Möglichkeit hierzu boten uns die Mennoniten aus Übersee, doch war es ungewiss, ob sie auch die evangelischen Familienmitglieder – also meine Mutter und mich sowie Onkel Edi und Familie – akzeptieren würden. Für uns stand das Alles oder Nichts-Gesetz fest: entweder wandern alle aus – oder niemand! Nachdem dieser Entschluss gefasst worden war, meldeten wir uns als Anwärter für die Auswanderung an. Drei Jahre lang verhandelten die Mennoniten mit den Besatzungsbehörden und mit den in Frage kommenden Überseeländern. Die einzige offene Tür fanden sie [zunächst] bei den paraguayischen Behörden, da dort bereits Mennonitensiedlungen im Chaco bestanden und Paraguay diese Siedler besonders schätzte. Inzwischen erreichte uns die Nachricht, dass Onkel Julius Bachmann im Zwangsarbeitslager Perwomansk an seinem 44. Geburtstage verstorben war. Unsere damalige Stimmung lässt sich mit Goethes Einleitungsversen zum „Faust“ treffend wiedergeben: „Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf und nennt die Guten, die, um schöne Stunden vom Glück getäuscht, vor uns [mir] hinweggeschwunden.“ Ich fand glücklicherweise im Juni 1947 eine feste Anstellung als medizinisch-technische Assistentin und meine Eltern fürchteten, dies könne meinen Entschluss ins Wanken bringen. Obgleich dies nicht der Fall war, hoffte ich im Stillen, dass die Auswanderung nicht zustande käme. Die politische Lage spitzte sich indessen in jener Zeit progressiv zu, bis die Sowjettruppen schließlich am 24. Juni 1948 die totale Blockade Berlins begannen und gleichzeitig alle Zugänge zu ihrer Besatzungszone abriegelten. Zwar hatten die Amerikaner eine Luftbrücke zur Versorgung der westlichen Sektoren der ehemaligen Reichshauptstadt organisiert, doch konnte dieses den Ausbruch einer wahren Kriegspsychose unter den Ostflüchtlingen nicht verhindern. Inmitten dieser bedrohlichen Lage erhielten meine Eltern einen Bescheid des Mennonitischen Zentralkomitees, dass ein Transport nach Paraguay im Herbst 1948 abgehen könne und alle Anwärter sich unverzüglich nach Backnang zur Erfassung begeben sollten. Im Lager Backnang lebten damals fast ausschließlich Lemberger Mennoniten, so dass wir dort viele Verwandte und Bekannte meiner Eltern trafen. Viele hatte ich vorher nicht gekannt, da wir ja in der Nähe von Stanislau [vermutlich in Niżniów am Dnjestr] wohnten und ich dort die evangelische Schule und das Gymnasium besucht hatte, während die meisten Mennoniten in Lemberg zur Schule gingen. Diese Mennonitenflüchtlinge aus Galizien beschlossen, mit ganz wenigen Ausnahmen, sich für den Paraguay-Transport zu melden, um der Gefahr aus dem Osten möglichst schnell und für immer zu entrinnen. Selbstverständlich gab es mehrere prominente Mennoniten, die uns von unserem Vorhaben dringend abrieten, doch wurde ihnen kein Gehör geschenkt. Auch der MCC-Vertreter, Bruder Peter Dyck, versuchte, uns von unserem Entschluss mit dem Argument abzubringen, dass wir uns die Härte des Pionierdaseins im Chaco gar nicht vorstellen könnten und dass sich dort nur Menschen behaupten könnten, die an schwerste physische Arbeit gewöhnt waren. Seine Argumente entkräftete mein Vater mit der Entgegnung, dass keine Pionierarbeit schlimmer sein könne, als die Zwangsarbeit in sibirischen Lagern. Wir alle wiesen auf den Umstand hin, dass wir einen Zusammenschluss unserer Familien anstrebten und diese Möglichkeit nur in Paraguay gegeben sei. Nach dieser ersten Registrierung kehrten wir wieder nach Niederbayern zurück und ich setzte meine Berufstätigkeit fort. Ich fragte Papas behandelnden Arzt, wie sich der Klimawechsel auf Papas Gesundheit auswirken würde. Er verordnete erst einmal eine komplette Blut- und Urinanalyse. Außer einer Verminderung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten), wies das Blutbild keine Anomalien auf. Auffallend war jedoch die ungeheuer beschleunigte Blutsenkungsreaktion von 72/94 mm (Normalwert höchstens 20 mm!). Der Urinbefund zeigte Eiweiß und Blutspuren. Herrn Dr. Schreiner missfielen diese Ergebnisse, zumal Papa auch an sehr hohem Blutdruck litt. Dr. Schreiner meinte, der Klimawechsel würde fatale Folgen haben, aber Papa schien dies nicht zu bekümmern. Ich hoffte im Stillen, dass man ihn seines schlechten Gesundheitszustandes willen von der Auswanderung zurückstellen würde. Doch: der Mensch denkt und Gott lenkt! Am 30. August rief man mich vom Mikroskop weg zum Telefon. Papa war am anderen Ende der Leitung und teilte mir erfreut mit, dass wir soeben die Zulassung nach Paraguay erhalten hätten. So hieß es nun tränenreichen Abschied vom Labor, von den Ärzten, Nonnen und Krankenschwestern zu nehmen. Man gab mir ein Empfehlungsschreiben und die besten Wünsche mit auf den Weg. Herr Dr. Kurz meinte, ich solle es mir noch einmal überlegen, da ich doch erwachsen sei und auf eigenen Füßen stehe. Ich aber wählte den Weg der alttestamentarischen Ruth: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch und wo du stirbst, da will auch ich begraben sein.“ Die Seereise nach Südamerika im Oktober 1948
Nachdem wir die letzten Formalitäten, darunter eine erneute ärztliche Untersuchung, erledigt hatten, erhielten wir Sonderpässe mit paraguayischen Visa und wurden am 7. Oktober 1948 in einem Sonderzug nach Bremerhaven gebracht, wo wir ganz nahe am holländischen Transportschiff Volendam, einer Art mennonitischer Arche-Noah, ausstiegen. Unsere Großfamilie reihte sich zur Passkontrolle auf. Da standen: meine Eltern Rudolf (52 J.) und Maja (50), ich – Lucy (24), Witold (23), und Gustl (20), Tante Janka mit Mutter und Töchtern, unsere beiden Forstingenieure Richard Bachmann (43) und Eduard Frey (54) mit ihren fünfköpfigen Familien neben anderen Galiziern, 110 insgesamt, und betrachteten neugierig das Schiff. Es war ein warmer, sonniger Herbsttag und wir kamen beim Herauftragen unseres vielen Handgepäcks mächtig ins Schwitzen. Meine Cousins waren damals noch zu klein zum Helfen, wir Erwachsenen mussten alles bewältigen. Oben auf dem Schiff warteten Peter und Elfriede Dyck vom MCC auf uns und begrüßten jeden mit Händedruck. Wir bekamen „Ration & Meal Tickets“ ausgehändigt und wurden von der holländischen Besatzung zu unseren Unterkünften geleitet. Die Danziger waren vor uns angekommen und grüßten uns freundlich. Meine Mama, die Tanten, Cousinen und ich bekamen eine schöne Kabine erster Klasse zugewiesen, mein Vater und die Onkels bekamen Betten in einem großen Männerschlafsaal auf dem Vorderschiff und meine Brüder schliefen, wie alle jungen Männer, in Hängematten im Bug. Der Transport setzte sich aus ca. 2.000 Personen zusammen, wovon die Hälfte Rußlandmennoniten waren. Wir Lemberger waren mit 110 Mann eine Minderheit; noch kleiner war die Kuzner [oder Kazuner] Gruppe – nur 70 Personen, die Danziger zählten ungefähr 500. Weiterhin hatte sich auch eine Gruppe von 300 Hutterern, die zu ihren Glaubensgenossen nach Paraguay fuhren, diesem Transport angeschlossen. Wir aßen in drei Schichten, die per Lautsprecher in holländischem Deutsch aufgerufen wurden: „Aaktung, Aaktung, es isst Sseit for de erste (ssweite / dridde) Disch!“ Unsere Familie hatte das Glück, im Speisesaal erster Klasse an einem kleinen, weiß gedeckten Tisch zu speisen. Vor jedem Essen sprach ein Prediger das Tischgebet. Während wir unsere erste Mahlzeit einnahmen, spürten wir ein leichtes Schaukeln. Das Schiff stach in See! Nach dem Dankgebet eilten wir an Bord, um noch einen letzten Blick auf die entschwindende Hafenstadt zu werfen. Da war kein Auge tränenleer, denn die meisten glaubten, dass dies ein Abschied für immer sei. – So begann am Donnerstag, dem 7. Oktober 1948, unsere 21-tägige unvergessliche Seereise nach Südamerika. Schon am ersten Abend näherten sich Vertreter der Danziger Mennoniten unserer Gruppe mit einem für uns völlig überraschenden Angebot. Sie teilten uns mit, dass Vertreter des MCC mit der uruguayischen Regierung Kontakt aufgenommen hätten und dass gute Aussichten bestünden, dort eine Einreisegenehmigung für 700 Siedler zu erhalten. Die uruguayischen Behörden möchten keine Rußlandmennoniten in ihrem Lande aufnehmen, aus Angst vor einer kommunistischen Infiltration. Die Danziger zählen nur 500 Seelen, so dass eine Einreisemöglichkeit für uns und die Kazuner Gruppe gegeben sei, da wir ja aus dem ehemaligen Polen stammen. Diese Perspektive erregte alle Gemüter und wurde mit großer Begeisterung akzeptiert. Nun erst wurde uns bewusst, wie groß der Unterschied zwischen diesen beiden südamerikanischen Ländern ist. Während Paraguay in der tropischen und subtropischen Zone liegt, hat Uruguay gemäßigtes ozeanisches Klima, nur die Nordspitze reicht fast an die subtropische Zone. Es ist zwar das kleinste Land, doch hinsichtlich seiner fortschrittlichen Sozialgesetze und vorbildlichen Demokratie wird es oft als „die Schweiz Südamerikas“ bezeichnet. Die Landeshauptstadt Montevideo liegt auf dem 35. Grad südlicher Breite, also dem gleichen wie Kapstadt in Südafrika! Das Land kennt keine Militärpflicht, garantiert völlige Religionsfreiheit und besitzt kaum Analphabeten. Es wird dort, genau wie in Paraguay, spanisch gesprochen und die Bevölkerung ist vorwiegend römisch-katholisch. Es gibt keine Staatsreligion. Einstimmig entschied sich die Lemberger Gruppe für Uruguay. Zunächst musste aber ein Vertreter gewählt werden, um gemeinsam mit den Danziger Vertrauensmännern mit Bruder Peter Dyck zu verhandeln. Die Wahl fiel auf meinen Vater, trotz seines schlechten Gesundheitszustandes und der Proteste meiner Mutter. Papa übergab nun eine komplette Liste unserer Gruppe dem MCC-Vertreter, Bruder Peter Dyck, und wir hofften auf eine positive Entscheidung. Doch nun will ich versuchen, das unvergessliche Erlebnis der Seereise zu schildern. Einundzwanzig Tage „segelten“ wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 340 Seemeilen [pro Tag] in südwestlicher Richtung durch den unermesslichen Atlantik. Zweitausend Emigranten fuhren mit ihrer kärglichen Habe voller Zuversicht und froher Erwartung einer neuen Zukunft entgegen, im Vertrauen auf die Hilfe des Mennonitischen Zentralkomitees. Die kleinen Unbequemlichkeiten ertrugen wir mit Geduld. Wir mussten unsere Wäsche mit Seewasser waschen und das war trotz der besonderen Seife recht unzulänglich. Wir hatten genügend Duschräume und Badewannen zur Verfügung, doch auch hier durfte nur Seewasser benützt werden. Da die Speiseräume nur zu den Mahlzeiten geöffnet wurden, hatten wir nicht viel Bewegungsfreiheit, geschweige denn bequeme Sitzplätze. Dicht gedrängt standen wir meist an der Reling und wurden nicht müde, das unermessliche Meer im Wechselspiel von Wellen und Wind zu betrachten. Wir spähten nach dem Horizont und freuten uns, sobald wir ein Schiff oder Wale entdeckten. Dreimal täglich wurden uns warme Mahlzeiten serviert. Jeden Morgen gab es gekochten Brei, ein Ei, Brot, Butter, Marmelade und Kaffee mit Milch. Das Mittag- und Abendessen bestand aus drei Gängen: nach Jahren aßen wir wieder Schinken, Lammfleisch, Schweinebraten und Kalbsschnitzel. Immer wurden Brot und Butter sowie Kaffee oder Tee gereicht. Am Samstag, dem 9. Oktober, erhielt jeder Passagier viereinhalb Gulden Taschengeld. Ich kaufte mir sogleich eine Schokolade für 17 cts. Kurz darauf wurde ich per Lautsprecher ins Krankenrevier gerufen. Dr. Klugquist [mehrfach auch ‚Kluquist’ geschrieben], der uns bis ins Lager Arapey begleitete, bat mich, einige Blutanalysen durchzuführen. Das winzige Schiffslabor wurde nun zu meiner Klause während der restlichen Reise. Ich fand es lustig, wenn die Blutkörperchen beim Zählen im Schiffsrhythmus hin und her tanzten! – Am Sonntag, dem 10. Oktober, fuhren wir auf der Höhe von Biskaya und es gab sehr viele Seekranke. Es wurde beachtlich wärmer und wir zogen Sommerkleider an. Am Nachmittag kam dann die spanische Küste mit Vigo in Sicht. Das Schiff schaukelte jedoch so gewaltig, dass viele den ganzen Tag im Bett verbrachten. Die armen Jungs wurden des Nachts im Bug furchtbar durchgerüttelt. Dabei gab es am Abend ein besonders gutes Essen: Cream Pierre le Grand – Gebraden varkensvlees [Schweinebraten] – Gestoofte knolraapen [ungenau; eher Kohlrübe als Kohlrabi] – Gekookte aardappelen [gekochte Kartoffeln] – Vers fruit [frisches Obst] – Koffie [Kaffee]. (So stand es auf dem Speiseplan, den ich zufällig aufbewahrte). Hier muss erwähnt werden, dass wir uns allabendlich auf dem Mittschiff zur Andacht versammelten, die abwechselnd von Danzigern und Rußlandmennoniten gestaltet wurde. Unvergesslich klingen mir noch die Choräle der Rußlandmennoniten im Ohr, aus gläubigen, leidgeprüften Seelen entsprungen, ergreifend wie die Messgesänge in unseren ukrainischen Kirchen. Wie wunderbar sangen sie „Ich bete an die Macht der Liebe“! – Besonders gefiel mir aber ihr Lied „Hand in Hand mit Jesus will ich sicher gehn“, da es so gut zu unserer Stimmung passte. Wenn dieses herrliche Lied dann mit dem Refrain ausklang: „Hand in Hand mit dem Herrn kann mir nichts geschehn. Hand in Hand mit Jesus werd ich sicher gehn“, legte sich alle Furcht vor der ungewissen Zukunft und man fühlte sich sicher und geborgen auf dem unendlichen Meere. Am Montag, dem 11. Oktober, befanden wir uns auf der Höhe der portugiesischen Küste, waren aber zu weit entfernt, um diese zu sichten ... Das Wetter war herrlich warm und des Nachts grüßte uns der zunehmende Mond vom Sternen übersäten Himmel. – Am Dienstagnachmittag hatte ich ein einmaliges Erlebnis. Ich schrieb gerade Befunde, als Frl. Epp, die Hebamme, mich dringend um Hilfe bat. Eine Geburt stehe bevor und Dr. Kluquist sei noch nicht eingetroffen; ich solle doch um Himmels Willen kommen und ihr assistieren. Ich protestierte, dass ich nichts davon verstünde, aber sie zog mich einfach mit. Es ging alles ganz schnell, nur erschrak ich mächtig, als ich die um den Hals gewickelte Nabelschnur sah, aber Frl. Epp meisterte die Situation wunderbar schnell. Und als Dr. Kluquist eintraf, schrie der kleine Wiebe bereits kräftig und der Arzt konnte nur noch gratulieren. Am Mittwoch, dem 13. Oktober, kamen die Kanarischen Inseln in Sicht. Wir fuhren in den malerischen Hafen von Las Palmas ein. Er liegt zu Füßen eines vulkanischen Bergmassivs. Zum ersten Mal sahen wir damals Palmen im Freien wachsen. Leider durften wir das Schiff nicht verlassen, wurden aber von vielen Booten umringt und trieben Tauschhandel. Die Volendam tankte Treibstoff und ergänzte die Trinkwasservorräte, bevor wir nach Südamerika weiterfuhren. In Las Palmas erhielt Bruder Peter Dyck die telegraphische Einreisegenehmigung für 700 aus Danzig und Polen stammende Mennoniten. Damit hatte die Euphorie unserer Galizier ihren Höhepunkt erreicht. Am späten Nachmittag lichteten wir den Anker. Wir sahen die malerischen, vulkanischen Inseln immer weiter fortrücken, bis sie hinter dem Horizont entschwanden. Nun stand uns noch eine 15-tägige Seereise bis Montevideo bevor. – Die nächsten beiden Tage waren unerträglich heiß. Mittags stand die Sonne genau im Zenit und das Thermometer stieg auf 53 Grad Celsius an. Mein Papa fühlte sich sehr elend und litt an Atemnot. – Am Freitag, dem 15. Oktober, erreichten wir den Wendekreis des Krebses. Am nächtlichen Himmel tauchten allabendlich prächtige neue Konstellationen auf, während die bislang gewohnten nördlichen Sternbilder entschwanden. Der Polarstern war noch knapp überm Horizont zu sehen und im Süden zeigte sich das berühmte Sternkreuz, umrahmt von dem Sternbild des Centaurus. Unsere Nachbarsonne, Alpha Centauri, erstrahlte dort im herrlichen Glanze. Sie ist der dritthellste Stern des südlichen Himmels. Nie hätten wir gedacht, dass wir sie einst mit eigenen Augen sehen würden. Wir näherten uns dem Äquator und passierten ihn am Sonntag, dem 17. Oktober, auf dem 28° 31´ westlicher Länge. Gegen Abend kam ein starker Wind auf und es begann zu regnen. Auch am Montag blieb das Wetter kühl und regnerisch und besserte sich erst am Dienstag. Nur der Wind nahm an Stärke zu und unsere Volendam wurde arg hin und her gerüttelt! Am Mittwoch, dem 20., erfuhren wir, dass wir uns bereits auf der Höhe von Recife, Brasilien, befanden. Das Wetter war schön und wir konnten ganze Geschwader fliegender Fische beobachten. Sie flogen in geringer Höhe bis zu 200 Meter weit und tauchten dann wieder unter. Manchmal sprang ihnen ein großer Fisch nach und schnappte einen der silbrigen Flieger. – Am Donnerstag, dem 21., erwartete uns eine besondere Überraschung: Elfriede und Peter Dyck verteilten amerikanische Kleiderspenden. Wie sehr freuten wir uns über die neuen Kleider und Schuhe. Leider kamen die Männer schlechter weg als wir Frauen und Kinder. Am 22. 10., einem Freitag, überquerten wir den Wendekreis des Steinbocks. Obwohl die Sonne immer noch im Zenit stand, war die Hitze durchaus erträglich, da ein angenehmer Wind uns erfrischte. – Am Samstag war der Himmel ziemlich bedeckt. In der Nacht konnten wir zum ersten Mal das durch winzige Algen verursachte Meeresleuchten beobachten. Obgleich kein Mond schien, glänzten die Wellen, als ob sie von unten mit einem schwefelgelben Lichte angestrahlt würden, das an den Wellenkämmen besonders intensiv aufblitzte. Welch ein wunderbarer Anblick! Nun kam unser letzter Sonntag an Bord, der 24. Oktober. Eine kalte Südostbrise zwang uns, die bereits als überflüssig verwahrten Sweater aus den Koffern zu holen. Wahrscheinlich war der Oktober auf der südlichen Hemisphäre genauso launisch wie unser April! Da ich die Speisekarte jenes Tages aufbewahrt habe, weiß ich genau, was wir zum Abendmahl [Abendessen] bekamen: Cream Parmentier – Gebraden ham [gebratener Schinken] – Gestoofte spinazie [gedämpfter Spinat] – Gekookte aardappelen – Vers fruit – Koffie. Am darauf folgenden Montag wurde es noch kühler. Das Schiff schaukelte gewaltig bei Windstärke 6! Es wurde schließlich so kalt, dass wir Wintermäntel anzogen! Am Dienstag, dem 26. Oktober, sahen wir am Horizont eine Möwenschar fliegen. Nun wussten wir, dass wir uns in Küstennähe befanden. – Am Mittwoch, dem 27. Oktober, wurde es zum Glück wärmer. Wir änderten den Kurs und fuhren jetzt genau nach Westen. Wahrscheinlich befanden wir uns in unmittelbarer Nähe der Rio-de-la-Plata-Mündung. Am Abend konnten wir dann die Küstenumrisse im Norden erkennen. Die Schiffsmotoren wurden ausgeschaltet, denn wir sollten erst am nächsten Tag nach Montevideo einlaufen. Am Donnerstag, dem 28. Oktober, waren wir schon vor Morgengrauen an Deck. Unser Schiff wurde langsam zur Hafeneinfahrt gelotst. Deutlich sahen wir die Silhouette Montevideos, mit vielen Hochhäusern und einem links vom Hafen emporragenden Hügel. Wahrscheinlich war dies der Berg (mons, montis, monte, montem – erinnerte man sich) [an den Lateinunterricht], von dem die Stadt ihren Namen herleitet. Wir sehen den Berg: Montem videmus! Wir wussten nicht, dass die Zeitungen die Ankunft der „Colonos Mennonitas“ mit Schlagzeilen angekündigt hatten und waren überrascht, als uns eine Unmenge schaulustiger Südländer freundlich winkend begrüßte! Das Wetter war wunderbar warm. Die Sonne strahlte am fast wolkenlosen Himmel, als der Laufsteg heruntergelassen wurde und die [Vertreter der] Einwanderungsbehörde, von einer Reporterschar gefolgt, unsere Volendam bestiegen. Langwierig waren die Gesundheitskontrolle und die Erteilung der legalen Einreisegenehmigungen. Wir bekamen noch ein Mittagessen an Bord serviert und dann nahmen wir Abschied von Peter und Elfriede Dyck. Sie schenkten jedem ein Bild der Volendam mit der Widmung Mose 5 Kap. 8, Vers 7-20. Sie klärten uns auf, dass wir in zwei verschiedenen Lagern bis zur Ansiedlung unterkommen würden. Das eine lag im Depto. Salto, 570 km von Montevideo, das andere in Colonia, nur 160 km von Montevideo entfernt. – Noch am gleichen Nachmittag traten 500 Personen, darunter unsere Familie, die weite Reise nach dem Norden ins Campamento Mennonitas Arapey im Departement Salto an. Galizier im Lager Arapey (Uruguay)
Erst am späten Nachmittag setzte sich unser Zug in Bewegung. Wir Galizier hatten die Nachbarabteile besetzt; unsere Familie und Onkel Richard mit 5 Personen belegten Plätze im gleichen Abteil. Eine Delegation von Methodisten und Waldensern hatte uns zum Bahnhof geleitet. Sie hatten geholfen, unsere Koffer zu tragen und hatten Lebensmittelspenden sowie Süßigkeiten verteilt. Auch die Vertreter des MCC versahen uns mit Proviant für die lange Reise. Wir fuhren zunächst in westlicher, dann in nördlicher Richtung, also der Mittagssonne entgegen. Alle versuchten zu schlafen, so gut das auf den harten Bänken möglich war oder spähten neugierig ins Dunkel. Das Land war leicht hügelig, spärlich besiedelt, denn wir passierten nur selten kleine Städtchen mit elektrischer Beleuchtung. Auch diese wiesen einen anderen Charakter als unsere europäischen Kleinstädte auf – man sah keine Giebeldächer. Uns fielen die kastenförmigen, flachen Häuschen auf. Je weiter wir uns von Montevideo entfernten, desto menschenleerer wurde die Gegend. Schließlich dösten wir alle ein. Als wir bei Morgengrauen wieder an einem kleinen Bahnhof hielten, beschlossen wir, etwas Trinkwasser zu holen. Auf einer Bank vor der Bahnstation saßen einige dunkelhäutige Männer. Ein seltsames rundes Gefäß, aus dem ein Metallstab herausragte, ging von Hand zu Hand und jeder nuckelte eine Weile an dem Stäbchen. Aus einer Thermosflasche gossen sie ab und zu Wasser nach. Wir wunderten uns, welch ein Getränk es sei und meinten, es handle sich vielleicht um einen Aufguss von Kokablättern. Die Männer sprachen uns sehr freundlich an, aber wir verstanden kein Wort. Wir sagten nur „Buenos dias“, die einzigen Worte, die wir wussten. Dann ging es weiter nach dem Norden. Endlos wie das Meer hob und senkte sich das Land und verschmolz am Horizont mit dem tiefblauen Himmel. Einmal sprang ein Hase hinter einem Busch hervor und Onkel Richard begrüßte erfreut den alten Bekannten. Die Eisenbahn ratterte durch Weidegebiet, wo hinter Drahtzäunen große Herden schwarz-weißer und schwarzer Rinder und geschorener Schafe grasten. Ab und zu sah man Reiter in breitkrempigen, unterm Kinn festgebundenen Hüten und weiten Pluderhosen. Wir waren uns einig, dass diese Gauchos seien. Neugierig verfolgten wir jede Einzelheit, und die Landwirte freuten sich über jedes große, bebaute Feld, an dem wir vorbeifuhren. Manchmal sahen wir ein schönes Gutshaus mit einer Palmenallee von ferne, doch nirgends entdeckten wir ein europäisch anmutendes Dorf mit dem vertrauten Kirchlein. Wir passierten zwei größere Städte, Paysandú und nach einigen Stunden Salto. An den Haltestellen gingen wir am Bahndamm spazieren und wurden stets von Neugierigen bestaunt. Die Sonne stand bereits tief im Westen, als wir eine Eisenbahnbrücke überquerten. Wir waren am Ziel: Campamento Militar Arapey. Gleich vergaßen wir Müdigkeit und geschwollene Beine, denn wir wussten, dass die Dunkelheit schnell hereinbrach und wir vorher noch unser Gepäck entladen mussten. Unverzüglich gingen wir ans Werk. Nahe am Bahngleis stand ein Haus und ein angenehmer Duft von geschmortem Fleisch wehte uns entgegen. Am Tisch im Freien saßen mehrere Männer und Frauen. Auf einem Rost über dem offenen Feuer schmorte ein riesiges Stück Fleisch. Diese Prozedur des Bratens über offenem Feuer haben wir damals zum ersten Mal gesehen. – Obwohl wir uns sehr beeilten, war es bereits finster, als wir die zum Übernachten angewiesenen ehemaligen Pferdeställe erreichten. So tappten wir im Dunkeln auf dem bereitliegenden Stroh nach einem Plätzchen für unsere müden Häupter. Am nächsten Morgen standen wir mit der Sonne auf, um uns die neue Umgebung bei Tageslicht anzusehen. Papa, Onkel Edi und Richard, Onkel Severin Beigert, Rudolf Köhli, der Tierarzt, und andere Männer unserer Gruppe gingen auf Erkundung aus. Hohe Bäume säumten die parallel zum Fluss Arapey verlaufende Lagerhauptstraße. Die beiden Forstleute erkannten sofort, dass es Eukalyptusbäume waren. Die anderen kleineren Laubbäume erkannten sie nicht. Hinter dichtem Ufergebüsch sah man im Süden den Arapey in der Morgensonne leuchten. Sonst dehnten sich nach allen Blickrichtungen endlose Grasflächen, und westlich der schnurgeraden Bahnschienen konnte man in der Ferne eine große Viehherde weiden sehen. Vor den Lagertoren stand eine Gruppe Gauchos, die das bereits erwähnte, mit Metallstab versehene Gefäß von Hand zu Hand reichte. Onkel Richard meinte, es sei wohl ein Ritual, wie das Friedenspfeife-Rauchen bei den Indianern. Der Vergleich war treffend, da diese kupferhäutigen, schwarzhaarigen Gesellen den Indianern sehr ähnlich sahen. Hinter ihren breiten Ledergürteln steckten imposante, bis zu 25 cm lange Messer in Lederschäften. „Buenos dias“, grüßten die Gauchos, als unsere Herren näher kamen, „Buenos dias“, antworteten die anderen. Ihren Redeschwall verstand niemand, nur das eine immer sich wiederholende Wort „Mate, yerba mate“, klang deutlich heraus. Sie gossen heißes Wasser aus dem Teekessel ins Gefäß und reichten es Onkel Richard, der es lächelnd entgegennahm, das Stäbchen an die Lippen führte, einen zaghaften Schluck tat und es dann mit strahlendem: „Gracias“ zurückgab. Nun mussten auch alle übrigen trinken und als die Gauchos mit Gesten ergründen wollten, wie es schmeckte, schlug Onkel einfach die Augen entzückt auf und sagte: „Si, si - bueno.“ An diesem ersten Morgen in Arapey wurden den einzelnen Gruppen Quartiere zugewiesen. Die Lemberger erhielten drei solide, bungalowartige Häuser an der Bahnstrecke und eine Reihe primitiver Rohziegelhäuschen, die an einem Feldwege zwischen Lager und Fluss standen. Wir kamen im Haus III westlich der Bahnstrecke unter. Unsere fünfköpfige Familie teilte das große Zimmer mit dem betagten Onkel Eduard Bachmann, dessen Frau Emma und Tochter Helene nebst Ehemann Gustav Rupp und dem 13-jährigen Sohn Hans. In einem kleinen Durchgangszimmer ließ sich das Ehepaar Düsterdyck, Erich und Hilde, eine geborene Rupp, nieder und im dritten Zimmer die Familien Ramner – Herzer mit sechs Personen. Wir hatten eine Küche mit Herd, ein Badezimmer mit WC und, zu unserer großen Freude, laufendes Wasser, wenngleich dieses sehr warm war, da es von einer Thermalquelle stammte. Ein großer, behäbiger Danziger, den sie den „Käse-Schmidt“ nannten, organisierte die Lagerküche. Nachdem er uns einige Tage nur Eintopf aus Hammelfleisch und Reis vorgesetzt hatte, auf dem obendrein noch eine fingerdicke Fettschicht schwamm, protestierten die Lemberger und baten um Verteilung der Viktualien „in natura“. Nun konnte jedes das Hammelfleisch nach Belieben zubereiten. Wir fassten [erhielten] außerdem Reis, Mehl, Sonnenblumenöl, Käse, Zucker, Honig und eine Art „Kreolenzwieback“, den man Galleta nannte. Gemüse war Mangelware! Da das Wetter angenehm warm war – wir hatten mittags oft 30 Grad – hielten wir uns meist im Freien auf und nahmen auch die Mahlzeiten auf der Veranda oder im Schatten der Eukalyptus- und Paraisobäume ein. Zum Sitzen gebrauchten wir die mitgebrachten Klappstühle oder Kisten, auch die Tische wurden aus Kisten angefertigt. Abends ging man ins Lagerzentrum zum Gottesdienst. Bei diesem engen Kontakt mit der Natur wurden wir mit der eigenartigen Fauna dieser Zone vertraut. Da sah man riesige südamerikanische Strauße (Rhea americana), die oft die Größe meines Bruders (1,82 m) erreichten, über die Wiesen stelzen. Man nannte sie hier avestruz oder ñandú (sprich: njandú – mit Betonung auf der Endsilbe). Sie hatten ein graues, an den Flügelenden schwarzes Federkleid, und da diese Federn zur Herstellung von Staubwedeln sehr begehrt waren, galoppierten ihnen die Gauchos mit schwingenden Boleadoras nach und brachten sie mit wohlgezielten Würfen zu Fall. Dabei waren die Strauße recht zutraulich: Wie oft hielt ich ihnen Brotschnitten entgegen und sie holten sich diese mit blitzschnellem Zuschnappen ihrer riesigen Schnäbel. Man sah dann die Bissen den langen Hals hinab gleiten. Eines Tages hatte Tante Hella Pfannkuchen als Nachspeise zubereitet und aufs Küchenfenster zum Kühlen gelegt. Als sie das Hauptgericht beendet hatten, wollte sie den Nachtisch holen, aber der Teller war leer. Hinter der Hecke sah man zwei Strauße gemächlich davon stelzen! Die elfenbeinartigen Eier dieser Vögel sind 16 cm lang und müssen mit einer Laubsäge geöffnet werden! Ein solches Ei hat die Kapazität von 12 Hühnereiern, reicht also für einen riesigen Kuchen. – Hinzufügen möchte ich, dass sie in Sammelnester gelegt werden und dass wir sie von den Gauchos geschenkt bekamen. Die blühenden Sträucher und Pflanzen wurden mehrmals täglich von grün schillernden Kolibris (Chlorostilbon lucidans) besucht, die ihre langen Schnäbel tief in die Kelche senkten, um sich am süßen Nektar zu laben. Voller Staunen beobachteten wir, wie diese kaum 8 cm langen, eher an Schmetterlinge erinnernden Vögel in der Luft stillstehen konnten durch die unheimlich schnellen Bewegungen ihrer Flügelchen. Ja, selbst nach rückwärts konnten sie fliegen, wenn sie den Schwanz plötzlich herunterneigten! Hier nannte man sie „picaflor“, zu Deutsch: Blumenstecher. Interessant waren auch die [Nester der] Backofenvögel (Furnarius rufus), welche die Äste, Telegrafenstangen oder Zaunpfosten krönten. Sie wurden von einem grauen unscheinbaren Vogel mit brauner Zeichnung aus Lehm [und Schlamm, Gras sowie Kuhmist] gemauert und erinnerten sehr an unsere ukrainischen Bauernbacköfen im Freien. Später erfuhr ich, dass dieser Vogel, el hornero, zum uruguayischen Nationalvogel erkoren wurde. Mein Bruder Gustl, ein passionierter Angler, konnte der Versuchung des nahen Arapey nicht lange widerstehen. Mit Hilde, Hans und dem kleinen Ramnerjungen suchten sie vergeblich nach Würmern in dem ausgedörrten Boden. Als Hans Rupp unter einem Stein nachsehen wollte, schrie er plötzlich auf. Ein schwarzer Skorpion, der darunter verborgen war, hob jetzt angriffslustig seinen Stachelschwanz über den Kopf. Gustl riss Hans zurück und erschlug das Scheusal. Damals wussten wir noch nicht, dass der Biss des hiesigen Skorpions zwar sehr schmerzhaft, jedoch nicht lebensgefährlich ist. – Unsere Angler nahmen schließlich Fleisch als Köder und brachten schon nach kurzer Zeit reichen Fang: 1-3 kg schwere, goldgelb geschuppte Dorados (Salminus maxillosus) von ausgezeichnetem, karpfenähnlichem Geschmack. Bei weiteren Angeltouren brachten sie andere wohlschmeckende Fische: graue, hechtähnliche Tarariras (Hoplias malabaricus), großköpfige, schuppenlose Bagres und Aale. Eines Nachts weckte uns lautes Poltern bei den draußen aufgestapelten Kisten. Wir wagten jedoch nicht nachzusehen, aus Angst vor Dieben. Morgens gingen die Männer mit Stöcken bewaffnet zu den Kisten und als Onkel Gustav die oberste Kiste zur Seite schob, schlüpfte eine etwa eineinhalb (1,50) Meter lange Rieseneidechse aus der unteren heraus und entschwand im Nu hinter den Büschen. Ein anderes Mal fanden wir zwischen den Kisten eine riesige, schwarz behaarte, Ekel erregende Vogelspinne. Wir begossen sie mit Petroleum und blauem Alkohol. Sie rannte los und wir auch! Bald blieb sie aber auf der Strecke, sodass wir sie erneut mit Brennspiritus begießen und anzünden konnten. Diese Spinne verzehrt kleine Vögel, Mäuse und Küken. Bei Onkel Richard stellte sich eines Abends seltener Besuch ein, ein Gürteltier, das meine Cousine Irene gleich ins Herz schloss und mit Fleisch fütterte. Wie staunten wir über dieses vorsintflutlich anmutende Geschöpf! Ein Schuppenpanzer bedeckte den ganzen Körper von der Nasen- bis zur Schwanzspitze, nur in der Mitte sah man biegsame Gürtel. Besonders ulkig war der lange, dreieckige Kopf mit den winzigen Äuglein und riesigen Ohren! Ein anderes Mal haben die Gauchos eine riesige, braune Schlange mit hübschem Muster getötet und an einem Baum aufgehängt – mit dem Kopf nach unten. Es war eine sehr giftige Yarará, fast zwei Meter lang! Kurz danach fing einer der Gauchos einen Kaiman, ein krokodilähnliches Riesenreptil im Arapey-Fluss. Er hatte des Nachts einen großen, mit Fleisch bezogenen Haken an einer Kette im Fluss versenkt und seine Beute am Morgen mit anderen Gauchos eingeholt und erschlagen. Die Haut wollte er verkaufen, den langen Schweif grillte er überm offenen Feuer und spendete eine 10-Liter-Flasche Wein zum Festmahl. Das Warten auf die Ansiedlung
Meine Mutter schrieb im November 1948 nach Deutschland: „Alles, was wir in den letzten Monaten erleben durften, versetzt mich in einen fast traumhaften Zustand. Durch Gottes Fügung kamen wir statt in den paraguayischen Chaco in das gesegnete Land Uruguay. Wir sind vorübergehend in Arapey, einem ehemaligen Militärlager mitten in der Steppe untergebracht und erwarten hier die Ansiedlung. Obgleich wir uns bewusst sind, dass uns kein leichter Anfang bevorsteht, sind wir wieder glückliche und zufriedene Menschen! Nach dem vielen Herzeleid der letzten Jahre sind endlich Ruhe und Frieden in unsere Herzen eingezogen...“ Wie schwer indessen der Anfang in diesem fremdsprachigen Lande sein würde, konnten wir uns damals gar nicht vorstellen. Alle waren vielmehr überzeugt, mit Hilfe des Mennonitischen Zentralkomitees bald siedeln und ein eigenes Heim gründen zu können, denn schon kurz nach unserer Ankunft begannen die ersten Landbesichtigungen. Ein Vertreter des MCC, Bruder Martin, besichtigte mit Vertrauensmännern aus Arapey, zu denen auch mein Vater gehörte, diverse Objekte im Norden Uruguays, also in den Subtropen-Provinzen. Dies war mit erheblichen Strapazen verbunden, da man bei der enormen Hitze von über 40 Grad im Schatten weite Strecken mit dem Lastwagen und zu Fuß zurücklegen musste. Dabei wurde der Boden genau geprüft und begutachtet. Niemand außer dem Amerikaner, Bruder Martin, schien zu bemerken, dass mein Vater, oft nach Luft ringend, weit hinter den anderen zurückblieb. Bruder Martin war sehr besorgt um Papa, wollte aber meine Mutter nicht erschrecken und zog daher mich ins Vertrauen. Papa ließ gar kein Gespräch über dieses Thema aufkommen. Er sagte, es wäre nicht so schlimm und er müsse noch solange durchhalten, bis alle Galizier angesiedelt seien. Er machte sich große Sorgen, ob sich unsere Galizier, die niemals hinter dem Pfluge gestanden hatten, als Pioniere bewähren würden. Indessen beschloss die Lagerleitung, eine Gruppe von jungen Männern, darunter meinen Bruder Witold, zum Arbeitseinsatz bei deutschen Siedlern zu entsenden. Was nützten meinem Bruder Abitur und Flugzeugführerausbildung! Er musste hier als Traktorist seine ersten Pesos verdienen. Die übrigen Lagerinsassen trafen Vorbereitungen für das erste Weihnachtsfest unter dem Kreuz des Südens. Wir bildeten einen Chor unter der Leitung von Hans Grenik und übten allabendlich im Schatten der Paraiso-Bäume. In Gedanken versuchte ich mir vorzustellen, dass um die gleiche Zeit unsere Freunde drüben, jenseits des Atlantiks, „Leise rieselt der Schnee“ sangen. Bei uns stand die Sonne um die Mittagszeit fast im Zenit und die Temperatur erreichte oft 46 Grad im Schatten. Wir suchten, trotz inständiger Warnungen des uruguayischen Lagerkommandanten, in den Fluten des Arapey-Flusses Kühlung und es gab zum Glück keine unliebsamen Zwischenfälle. Als ich später erfuhr, dass am Boden dieses Flusses scheußliche Rochen mit giftigen Stacheln leben, lief es mir kalt über den Rücken! Gewiss standen wir unter Gottes Schutz, da uns weder Taranteln, Giftschlangen, Skorpione noch Rochen etwas zuleide taten. – Wie sehr sehnten wir an diesen heißen Tagen die Nacht herbei! Dann saß die Galizier-Jugend im Freien und trank Mate, denn wir hatten inzwischen entdeckt, welche belebende Wirkung dieser anfänglich als „scheußliche Brühe“ abgewertete Yerba-Mate-Trank hatte. Begleitet von Hans Greniks Gitarre und dem Gesang von Glockenfröschen und Zikaden erklangen die beliebten Schlager „Ramona“, „Roter Mohn“, „Möwe, du fliegst in die Heimat“ u. a. – Myriaden von Leuchtkäfern blitzten gleich Sternschnuppen im nächtlichen Dunkel und am Himmelszelt glitzerten wie köstliche Diamanten die südlichen Gestirne. Manchmal wurden wir von einem plötzlich heranziehenden Tropengewitter verscheucht. Dann fegten orkanartige Winde dichte Staubwolken, trockenes Laub und abgerissene Zweige durch die Luft; ja, sie entwurzelten oft ganze Bäume! Unter gewaltigem Blitzen und Tosen ergossen sich enorme Wassermassen vom Himmel und die Temperatur sank innerhalb kurzer Zeit um 20 Grad. Wir zitterten dann vor Kälte und waren froh, dass unser Dach dichthielt. Kurz waren jedoch diese kühlen Intervalle: bald strömten wieder heiße Luftmassen aus Brasilien herein. Am 23. Dezember hatte die Sonne ihren Höchststand erreicht und am 24. Dezember feierten wir die Heilige Nacht ohne Glockenklang und Weihnachtsbaum und ohne Geschenke. Und dennoch hatte uns das Christkind eine besondere Freude beschert: wir erhielten Post aus Deutschland. Mit tränenfeuchten Augen lasen wir die lieben Wünsche. – Mein Bruder Witold war leider zu Weihnachten nicht bei uns und auch zu Silvester war er abwesend. Er konnte sich die Reise nicht leisten, da er Geld für Kleidung brauchte. Der Daseinskampf beginnt!
Anfang Januar 1949 wurde mir durch die Tochter unseres Lagerführers, eines sehr weltmännischen und gebildeten Danzigers, eine Stelle als Gesellschafterin bei drei vornehmen Damen in Montevideo angeboten. Das Anfangsgehalt sollte 30 Pesos monatlich bei freier Kost und Wohnung betragen, auch kamen sie für die Reisekosten auf. Papa meinte, dies sei eine günstige Chance, um nach Erlernen des Spanischen einen neuen Start ins Berufsleben zu versuchen. Ich hatte das Lagerleben gründlich satt und begrüßte diese Gelegenheit, aus den primitiven Verhältnissen herauszukommen. Der Abschied fiel uns jedoch sehr schwer, da die Entfernung bis Montevideo groß war (540 km!) und die Reise hin und zurück mehr kostete als mein Monatsgehalt betrug, wir somit mit einer langen Trennung rechnen mussten. Papa riet mir, mich dem Lagerleiter anzuschließen, der Mitte Januar zu einer Besprechung der MCC-Vertreter mit dem Kolonisations-Amt nach Montevideo reisen musste. Schweren Herzens fuhr ich einer neuen Zukunft in der fremden Stadt entgegen und malte mir im Geiste die unbekannten „vornehmen Damen“ nach unserem europäischen Klischee aus: hochmütig und reserviert, vielleicht etwas herablassend. Doch die beiden schwarzhaarigen, eleganten Damen, die mich an der Endhaltestelle erwarteten, begrüßten mich wie eine alte, liebe Bekannte mit Umarmung und Kuss. Obgleich wir uns nur mühsam verständigen konnten, war ich von ihrem Charme, ihrem melodischen Redeschwall und ihren graziösen Bewegungen entzückt. Als wir auf den von Bäumen gesäumten Straßen mit hell erleuchteten Schaufenstern und riesigen, farbenprächtigen Leuchtreklamen fuhren, glaubte ich zu träumen! In den letzten Jahren hatte ich ja nur die Trümmer unserer deutschen Großstädte gesehen; diese Oase des Friedens raubte mir den Atem. So stieg ich wie betäubt die Marmortreppe der hübschen, einstöckigen Villa hoch, wo die dritte „vornehme Dame“ mich mit der gleichen Herzlichkeit in die Arme nahm. Ich wurde sofort in den Familienkreis aufgenommen und man versuchte, mir das Einleben in jeder Hinsicht zu erleichtern. Vormittags verrichteten wir gemeinsam alle häuslichen Pflichten, nachmittags fuhren wir nach der Siesta zum Strand. Bei kühlem Wetter begaben wir uns ins Stadtzentrum, wo ich entzückt die schönen Auslagen betrachtete. Wie gerne hätte ich mir ein modernes Kleid oder ein Paar Schuhe gekauft! Aber was konnte man schon mit 30 Pesos im Monat anfangen! Dennoch waren diese pekuniären Sorgen belanglos, wenn ich an Papas schlechten Gesundheitszustand und an unsere ungewisse Zukunft dachte. Eines stand indessen fest: man musste als erstes die Landessprache erlernen. Das Spanische ist insofern komplexer als andere romanische Sprachen, da viele Worte aus dem Arabischen entlehnt und andere hier in Südamerika von den Indianern übernommen wurden. Ein Beispiel hierfür ist der Name des Flusses, nach dem dieses Land benannt wurde: „Uru-gua-y“ bedeutet in der Ureinwohnersprache „Fluss der Vögel“. Viele Eigenarten weist auch die Aussprache auf. Unser „j“ wird als „ch“ ausgesprochen und unser „ch“ als „tsch“. Mein Name lautete hierzulande „Batschmann“. Ich freute mich sehr über die ersten Briefe aus Arapey: Leider hatte Papa wenig Erfreuliches mitzuteilen. Er berichtete von einer großen Zusammenkunft im Lager. Die MCC-Vertreter legten ihre Karten offen auf den Tisch. Sie erklärten, dass sie nicht genug Geld zur Verfügung hätten, um fünf Hektar pro Familie zu kaufen. Die Verpflegungsgelder würden in sechs bis sieben Monaten verbraucht sein und nachher müsse man sich selbst erhalten. Obwohl Papa versicherte, dass alle Verwandten guten Mutes seien und die Köpfe nicht hängen ließen, war ich beunruhigt. Wie sollte es nun weitergehen? Was sollte aus uns werden? Und ich schöpfte Trost und Hoffnung aus dem 23. Psalm, den wir im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt hatten. Im vierten Vers heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Sobald ich genügend Spanisch gelernt hatte, um mich zu verständigen, fuhr ich alle Sonntage zu den Andachten im Mennonitischen Zentralkomitee [das MCC besaß demnach dort ein Haus]. Dort bot man mir eine Stelle mit 50 Pesos Anfangsgehalt bei einer amerikanischen Diplomatenfamilie an. Obgleich es mir schwer fiel, die liebenswürdigen Uruguayer zu verlassen, konnte ich in Anbetracht unserer miesen wirtschaftlichen Lage nicht lange zögern; ich trat schweren Herzens im April die neue Stelle an. Die beiden Söhnchen Johnny und Jimmy schenkten mir sofort ihre Zuneigung und ich musste ihnen allabendlich Geschichten vorlesen. Sie spotteten niemals über meine englische Aussprache, sondern korrigierten mich ganz schulmeisterlich ernst. Ostern verbrachten wir in einem feudalen Bungalow am Atlantikstrand. Wir gingen in den Kiefernwäldchen oder am Strande spazieren und meine sehnsüchtigen Blicke schweiften übers Meer nach dem fernen Heimatlande. In Montevideo wartete eine traurige Nachricht auf mich. Eine Verwandte, die sich entschlossen hatte, eine Stelle im gleichen Diplomatenhause anzunehmen, brachte Mamas unglücklichen Brief. Papa hatte einen ganz schlimmen Herzanfall erlitten. Wie schnell hatte Mamas Zukunftstraum geendet! Papa musste sich von nun an schonen und das Haus hüten. Er erholte sich ein wenig und schrieb mir wieder lange Briefe. Es gab verschiedene Neuigkeiten: der Lagerleiter hatte sich mit einigen Verwandten selbständig gemacht und eine Pacht bei Montevideo übernommen. Ein Zahntechniker aus unserer Gruppe fand eine Stelle in seinem Beruf. Die übrigen Galizier waren weiterhin „auf Arbeitseinsatz“. Das MCC verhandelte weiter mit dem Kolonisations-Amt und erwog den Kauf einer 1500 ha großen „Estancia“ (Viehzuchtfarm) bei Paysandú. Aber – wie sollten 700 Menschen auf dieser kleinen Fläche siedeln? Ich war damals zu sehr über Papas Gesundheitszustand besorgt, um mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, ich hatte auch niemals beabsichtigt, aufs Land zu gehen. Vielmehr versuchte ich, durch unseren Doktor Klugquist, der gerade in Montevideo seine Nostrifikation [Anerkennung eines im Ausland erworbenen Diploms] vorbereitete, in einem Labor unterzukommen. Inzwischen war bei uns der Winter gekommen und die Temperatur sank nachts oft unter Null Grad. Es schneite nicht und nur einige Laubbäume hatten ihre Blätter verloren. Die Palmen und Eukalyptusbäume behielten ihren Laubschmuck. Es regnete sehr viel und wenn der eisige Südwind blies, den sie hier Pampero nennen, froren wir ganz erbärmlich. Die Diplomatenfamilie war nach Nordamerika in Urlaub gefahren und ich hatte Aussicht auf eine unentgeltliche Praxis [etwa: ein Praktikum oder eine Probezeit] im Hygiene-Institut, als sich der Gesundheitszustand meines Vaters sehr verschlechterte. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ich fuhr nach Arapey und fand meine Eltern im Krankenrevier. Wie sehr hatte sich mein lieber, armer Vater verändert! Er konnte kaum gehen, sein Atem ging in kurzen Stößen und aus dem wachsfarbenen, eingefallenen Gesicht blickten mich seine großen, gütigen Augen forschend an. Also hatte Dr. Schreiner Recht gehabt mit seiner Prognose: die fatalen Folgen des Klimawechsels waren eingetreten. Ich fühlte, dass Papa nicht mehr lange bei uns bleiben würde und es tat unendlich weh, wieder nach Montevideo zurückzukehren. – Ich hatte gemerkt, dass zwischen meinem Bruder Witold und Eva Beigert sich zarte Bande geknüpft hatten und war daher nicht überrascht, als sie sich bald darauf verlobten. Mitte August [1949] schrieb Papa mir einen kurzen, fast unleserlichen Brief und zugleich kam Mamas SOS-Ruf, der mich nach Arapey zurückrief. Eva erbot sich, mich zu vertreten und dank ihrer Herzensgüte durfte ich noch zwei Wochen bei unserem lieben Papa bleiben, bis er am 12. September seine Augen für immer schloss. Auf dem Militärfriedhof von Arapey betteten wir ihn zur letzten Ruhe und der Chor sang zum Abschied: „Hand in Hand mit Jesus geh ich ein zur Ruh, schließen sich im Tode meine Augen zu.“ So hatte meine kaum 51-jährige Mama knappe 11 Monate nach unserer Abfahrt aus Deutschland ihren treuen Lebensgefährten, wir unseren innig geliebten Vater und Onkel Richard seinen letzten Bruder verloren. Das amerikanische Diplomatenehepaar zeigte nach der Rückkehr aus den Staaten viel Mitgefühl, als es von Papas Tode erfuhr. Wir hatten eine offene Aussprache bei einem Glas Whisky – eine bisher unvorstellbare Geste. Ich sprach endlich über meinen Beruf und die Absicht, ein Comeback zu versuchen. Sie schlugen vor, ich sollte weiter bei ihnen wohnen, da die beiden uruguayischen Hausangestellten nur tagsüber blieben und sie wegen der vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen ihre Kinder in guten Händen wissen wollten. Mein Comeback scheiterte aus verschiedenen Gründen: erstens sahen mich die wie Filmdivas zurechtgemachten uruguayischen Laborantinnen als Eindringling an, da bekanntlich die „Mennonitas“ nur zum Siedeln auf dem Lande befugt waren, zweitens kannte man hierzulande keine medizinisch-technischen Assistentinnen, weil es bis heute keine äquivalente Ausbildung gibt, und drittens wurde mir gleich zu Beginn klargemacht, dass eine Anstellung im Staatlichen Hygiene-Institut nur in Frage käme, wenn ich die uruguayische Staatsbürgerschaft beantrage. Das habe ich bis heute nicht getan und beabsichtige es auch in Zukunft nicht zu tun! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich der verständnisvollen Amerikanerin anzuvertrauen. Sie wusste Rat: ich sollte die Erziehung ihrer Kinder übernehmen, umso mehr, da ein drittes [Kind] unterwegs war. Als Nebeneinnahme sollte ich mit ihrer Hilfe einen kleinen Kindergarten einrichten, wo neben ihrem Jimmy noch drei bis vier kleine Amerikaner vormittags für die Schule vorbereitet würden. Ich hatte ein geradezu unglaubliches Glück. Der amerikanische Diplomat wurde ins State Department nach Washington berufen und seine Frau überredete mich, für ein Jahr mit ihnen nach den USA zu fahren. Ohne Diplomatenhilfe hätte ich niemals einen Reisepass bekommen, denn es gab damals noch keine Deutsche Botschaft. Wir fuhren mit einem amerikanischen Liniendampfer; die Diplomatenfamilie in einer hocheleganten Suite erster Klasse, ich in der zweiten Klasse. Tagsüber hielt ich mich mit den Kindern in der ersten Klasse auf und schlief dann in meiner Kabine auf dem unteren Deck. Wir hielten in Rio de Janeiro, fuhren zum Zuckerhut und zur Christusstatue auf der Corcovado-Spitze [704 m]. In Trinidad hielten wir nochmals und gingen dann in New York an Land. Von dort ging es weiter nach Washington in einem wie ein „Living-room“ eingerichteten Eisenbahnwaggon. Die Landschaft war vielfältig: bebaute Felder, Farmhäuser, Wälder, zahlreiche kleine und große Fabrikstädte, erstklassige Autobahnen, etc. – Hier war die Welt wieder in Ordnung: die Sonne stand mittags im Süden und die bunte, herbstliche Landschaft erinnerte sehr an Europa. Ich blieb 14 Monate in Nordamerika und hätte mit Hilfe meiner Chefs leicht ein Einreisevisum erhalten können, auch die Möglichkeit gehabt, nach sechsmonatlicher Praxis den amerikanischen Medical-Technologist-Titel zu erlangen. Aber ich war ganz krank vor Sehnsucht nach meiner Familie. Ich wog nur knappe 45 Kilo! Also kehrte ich im Dezember 1951 mit dem gleichen Liniendampfer wieder nach Montevideo zurück. Nun war die Familie wieder vereint. Mein Bruder Witold und Eva Beigert hatten nach meiner Abfahrt geheiratet und stellten mir nun stolz ihren Sprössling vor. Er war der erste Bachmann, der hier das Licht der Welt erblickte und brachte auch viel Freude und Licht ins Leben meiner vereinsamten Mutter. Auch mein Cousin Witold Bachmann, der seit drei Jahren in Buenos Aires lebte, kam zu Weihnachten zu Besuch. Es gefiel ihm so gut in Uruguay, dass er für immer herüberzog. Ich erwähne dies, weil wir später heirateten, als er eine gut bezahlte Stelle als technischer Zeichner bekam. Der Text endet mit: „Fortsetzung folgt“, aber diese blieb aus. Nur ein Bericht von Arthur Schweitzer über die Mennonitenkolonie Delta fand sich in der Juni- bzw. Juli-Ausgabe 1982. Damit wir Lucy Bachmanns Sorgen um ihren Vater, Rudolf Bachmann, nachvollziehen können, ist es angebracht, auch zu lesen, was dieser vor September 1949 geschrieben hatte. Sein kurzer Bericht ist dem Buch von Arnold Bachmann entnommen: „Galizische Mennoniten im Wandel der Zeiten“, 1984, pp. 84-89; Arbeitskreis für Familienforschung Backnang. (Zu beziehen über: Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern). – Solch ein entsetzlicher Umgang mit Menschen darf nicht in Vergessenheit geraten! Angepasst an die neue Rechtschreibung, Kommentare [in eckigen Klammern]. aus dem Mitteilungsblatt „Das heilige Band“ - Der Galiziendeutsche Jg. 37 (1980) Nr. 1, Jg. 38 (1981) Nr. 8-12, Jg. 39 (1982) Nr. 1 Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hilfskomitee der Galiziendeutschen A. u. H. B. im Diakonischen Werk der EKD e. V.
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