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| Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay |
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Bereits im Oktober 1945 hatte das Mennonitische Zentralkomitee [MCC] einen Vertreter aus Kanada, Bruder F. C. Klassen, mit dem Auftrag nach Bayern entsandt, alle nach dem Westen geflüchteten Mitglieder der Mennonitengemeinden ausfindig zu machen. Er kam mit der Versicherung, dass man drüben der heimatlosen Glaubensbrüder in christlicher Nächstenliebe gedächte und alles unternehmen würde, um ihnen die Auswanderung nach Übersee zu ermöglichen. Mein Vater, Rudolf Bachmann, Mitglied der Gemeinde Lemberg-Kiernica, nahm diese, durch Verwandte übermittelte Nachricht als neue Lebenshoffnung für uns heimatlose Flüchtlinge auf.
Wir lebten damals in einem kleinen Dorf in Niederbayern, hatten bei der überstürzten Flucht aus dem Wartheland alles Hab und Gut verloren, wir hungerten, waren arbeitslos und besaßen nur die allernötigste Garderobe. Am meisten aber litten wir unter der Ungewissheit über das Schicksal unserer nächsten Verwandten. Traurig sahen wir dem nahenden Weihnachtsfest entgegen, als das erste Geschenk christlicher Nächstenliebe in Form eines großen CARE-Paketes des Mennonitischen Hilfswerkes eintraf. Unsere Augen liefen über, als wir die vielen Kostbarkeiten auspackten: Schokolade, Kakao, Milch- und Eipulver, viele Konserven wie Corned Beef und Ham and Eggs [Speck und Eier], Lucky Strike-Zigaretten und andere amerikanische Spezialitäten. Die Zigaretten tauschten wir sogleich für verschiedene Lebensmittel ein. So konnten wir zum Heiligen Abend 1945 eine echte galizische Kutja und auch einen Weihnachtskarpfen auf den Tisch bringen.
In dieser Winterszeit wollten die traurigen Nachrichten über unsere nächsten Familienangehörigen schier kein Ende nehmen: Oma Emma Frey war auf der Flucht verschollen, meine Großeltern Bachmann waren von den Tschechen vertrieben und misshandelt worden, Opa war unterwegs tot zusammengebrochen, während Oma kurz darauf vor Erschöpfung und Hunger starb, Papas ältester Bruder Siegmund, Diplomlandwirt, war beim Vormarsch der Russen tragisch verstorben, Papas jüngerer Bruder Julius wurde auf der Flucht aus Kutno von den Russen überholt und verschleppt, Mutters beide Neffen, Helmut und Ederle [Eduard] Frey waren in den letzten Tagen des Krieges gefallen. – Wir konnten Papas jüngsten Bruder, Diplomforstingenieur Richard Bachmann mit Familie in Hessen ausfindig machen, Mamas Bruder Eduard Frey, ebenfalls Diplomforstingenieur, war mit seiner Familie im Bayrischen Wald, Papas Schwägerin Johanna (Janka) lebte mit ihren Töchtern und ihrer Mutter in unserer Nähe.
Unter dem Eindruck dieser schrecklichen Erlebnisse beschloss der Restbestand unserer dezimierten Familien, geschlossen auszuwandern und immer zusammenzubleiben. Die einzige Möglichkeit hierzu boten uns die Mennoniten aus Übersee, doch war es ungewiss, ob sie auch die evangelischen Familienmitglieder – also meine Mutter und mich sowie Onkel Edi und Familie – akzeptieren würden. Für uns stand das Alles oder Nichts-Gesetz fest: entweder wandern alle aus – oder niemand! Nachdem dieser Entschluss gefasst worden war, meldeten wir uns als Anwärter für die Auswanderung an.
Drei Jahre lang verhandelten die Mennoniten mit den Besatzungsbehörden und mit den in Frage kommenden Überseeländern. Die einzige offene Tür fanden sie [zunächst] bei den paraguayischen Behörden, da dort bereits Mennonitensiedlungen im Chaco bestanden und Paraguay diese Siedler besonders schätzte. Inzwischen erreichte uns die Nachricht, dass Onkel Julius Bachmann im Zwangsarbeitslager Perwomansk an seinem 44. Geburtstage verstorben war. Unsere damalige Stimmung lässt sich mit Goethes Einleitungsversen zum „Faust“ treffend wiedergeben: „Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf und nennt die Guten, die, um schöne Stunden vom Glück getäuscht, vor uns [mir] hinweggeschwunden.“
Ich fand glücklicherweise im Juni 1947 eine feste Anstellung als medizinisch-technische Assistentin und meine Eltern fürchteten, dies könne meinen Entschluss ins Wanken bringen. Obgleich dies nicht der Fall war, hoffte ich im Stillen, dass die Auswanderung nicht zustande käme. Die politische Lage spitzte sich indessen in jener Zeit progressiv zu, bis die Sowjettruppen schließlich am 24. Juni 1948 die totale Blockade Berlins begannen und gleichzeitig alle Zugänge zu ihrer Besatzungszone abriegelten. Zwar hatten die Amerikaner eine Luftbrücke zur Versorgung der westlichen Sektoren der ehemaligen Reichshauptstadt organisiert, doch konnte dieses den Ausbruch einer wahren Kriegspsychose unter den Ostflüchtlingen nicht verhindern. Inmitten dieser bedrohlichen Lage erhielten meine Eltern einen Bescheid des Mennonitischen Zentralkomitees, dass ein Transport nach Paraguay im Herbst 1948 abgehen könne und alle Anwärter sich unverzüglich nach Backnang zur Erfassung begeben sollten. Im Lager Backnang lebten damals fast ausschließlich Lemberger Mennoniten, so dass wir dort viele Verwandte und Bekannte meiner Eltern trafen. Viele hatte ich vorher nicht gekannt, da wir ja in der Nähe von Stanislau [vermutlich in Niżniów am Dnjestr] wohnten und ich dort die evangelische Schule und das Gymnasium besucht hatte, während die meisten Mennoniten in Lemberg zur Schule gingen. Diese Mennonitenflüchtlinge aus Galizien beschlossen, mit ganz wenigen Ausnahmen, sich für den Paraguay-Transport zu melden, um der Gefahr aus dem Osten möglichst schnell und für immer zu entrinnen.
Selbstverständlich gab es mehrere prominente Mennoniten, die uns von unserem Vorhaben dringend abrieten, doch wurde ihnen kein Gehör geschenkt. Auch der MCC-Vertreter, Bruder Peter Dyck, versuchte, uns von unserem Entschluss mit dem Argument abzubringen, dass wir uns die Härte des Pionierdaseins im Chaco gar nicht vorstellen könnten und dass sich dort nur Menschen behaupten könnten, die an schwerste physische Arbeit gewöhnt waren. Seine Argumente entkräftete mein Vater mit der Entgegnung, dass keine Pionierarbeit schlimmer sein könne, als die Zwangsarbeit in sibirischen Lagern. Wir alle wiesen auf den Umstand hin, dass wir einen Zusammenschluss unserer Familien anstrebten und diese Möglichkeit nur in Paraguay gegeben sei.
Nach dieser ersten Registrierung kehrten wir wieder nach Niederbayern zurück und ich setzte meine Berufstätigkeit fort. Ich fragte Papas behandelnden Arzt, wie sich der Klimawechsel auf Papas Gesundheit auswirken würde. Er verordnete erst einmal eine komplette Blut- und Urinanalyse. Außer einer Verminderung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten), wies das Blutbild keine Anomalien auf. Auffallend war jedoch die ungeheuer beschleunigte Blutsenkungsreaktion von 72/94 mm (Normalwert höchstens 20 mm!). Der Urinbefund zeigte Eiweiß und Blutspuren. Herrn Dr. Schreiner missfielen diese Ergebnisse, zumal Papa auch an sehr hohem Blutdruck litt. Dr. Schreiner meinte, der Klimawechsel würde fatale Folgen haben, aber Papa schien dies nicht zu bekümmern. Ich hoffte im Stillen, dass man ihn seines schlechten Gesundheitszustandes willen von der Auswanderung zurückstellen würde. Doch: der Mensch denkt und Gott lenkt! Am 30. August rief man mich vom Mikroskop weg zum Telefon. Papa war am anderen Ende der Leitung und teilte mir erfreut mit, dass wir soeben die Zulassung nach Paraguay erhalten hätten. So hieß es nun tränenreichen Abschied vom Labor, von den Ärzten, Nonnen und Krankenschwestern zu nehmen. Man gab mir ein Empfehlungsschreiben und die besten Wünsche mit auf den Weg. Herr Dr. Kurz meinte, ich solle es mir noch einmal überlegen, da ich doch erwachsen sei und auf eigenen Füßen stehe. Ich aber wählte den Weg der alttestamentarischen Ruth: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch und wo du stirbst, da will auch ich begraben sein.“
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