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| Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay |
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Nachdem wir die letzten Formalitäten, darunter eine erneute ärztliche Untersuchung, erledigt hatten, erhielten wir Sonderpässe mit paraguayischen Visa und wurden am 7. Oktober 1948 in einem Sonderzug nach Bremerhaven gebracht, wo wir ganz nahe am holländischen Transportschiff Volendam, einer Art mennonitischer Arche-Noah, ausstiegen. Unsere Großfamilie reihte sich zur Passkontrolle auf. Da standen: meine Eltern Rudolf (52 J.) und Maja (50), ich – Lucy (24), Witold (23), und Gustl (20), Tante Janka mit Mutter und Töchtern, unsere beiden Forstingenieure Richard Bachmann (43) und Eduard Frey (54) mit ihren fünfköpfigen Familien neben anderen Galiziern, 110 insgesamt, und betrachteten neugierig das Schiff.
Es war ein warmer, sonniger Herbsttag und wir kamen beim Herauftragen unseres vielen Handgepäcks mächtig ins Schwitzen. Meine Cousins waren damals noch zu klein zum Helfen, wir Erwachsenen mussten alles bewältigen. Oben auf dem Schiff warteten Peter und Elfriede Dyck vom MCC auf uns und begrüßten jeden mit Händedruck. Wir bekamen „Ration & Meal Tickets“ ausgehändigt und wurden von der holländischen Besatzung zu unseren Unterkünften geleitet. Die Danziger waren vor uns angekommen und grüßten uns freundlich. Meine Mama, die Tanten, Cousinen und ich bekamen eine schöne Kabine erster Klasse zugewiesen, mein Vater und die Onkels bekamen Betten in einem großen Männerschlafsaal auf dem Vorderschiff und meine Brüder schliefen, wie alle jungen Männer, in Hängematten im Bug.
Der Transport setzte sich aus ca. 2.000 Personen zusammen, wovon die Hälfte Rußlandmennoniten waren. Wir Lemberger waren mit 110 Mann eine Minderheit; noch kleiner war die Kuzner [oder Kazuner] Gruppe – nur 70 Personen, die Danziger zählten ungefähr 500. Weiterhin hatte sich auch eine Gruppe von 300 Hutterern, die zu ihren Glaubensgenossen nach Paraguay fuhren, diesem Transport angeschlossen.
Wir aßen in drei Schichten, die per Lautsprecher in holländischem Deutsch aufgerufen wurden: „Aaktung, Aaktung, es isst Sseit for de erste (ssweite / dridde) Disch!“ Unsere Familie hatte das Glück, im Speisesaal erster Klasse an einem kleinen, weiß gedeckten Tisch zu speisen. Vor jedem Essen sprach ein Prediger das Tischgebet. Während wir unsere erste Mahlzeit einnahmen, spürten wir ein leichtes Schaukeln. Das Schiff stach in See! Nach dem Dankgebet eilten wir an Bord, um noch einen letzten Blick auf die entschwindende Hafenstadt zu werfen. Da war kein Auge tränenleer, denn die meisten glaubten, dass dies ein Abschied für immer sei. – So begann am Donnerstag, dem 7. Oktober 1948, unsere 21-tägige unvergessliche Seereise nach Südamerika.
Schon am ersten Abend näherten sich Vertreter der Danziger Mennoniten unserer Gruppe mit einem für uns völlig überraschenden Angebot. Sie teilten uns mit, dass Vertreter des MCC mit der uruguayischen Regierung Kontakt aufgenommen hätten und dass gute Aussichten bestünden, dort eine Einreisegenehmigung für 700 Siedler zu erhalten. Die uruguayischen Behörden möchten keine Rußlandmennoniten in ihrem Lande aufnehmen, aus Angst vor einer kommunistischen Infiltration. Die Danziger zählen nur 500 Seelen, so dass eine Einreisemöglichkeit für uns und die Kazuner Gruppe gegeben sei, da wir ja aus dem ehemaligen Polen stammen. Diese Perspektive erregte alle Gemüter und wurde mit großer Begeisterung akzeptiert. Nun erst wurde uns bewusst, wie groß der Unterschied zwischen diesen beiden südamerikanischen Ländern ist. Während Paraguay in der tropischen und subtropischen Zone liegt, hat Uruguay gemäßigtes ozeanisches Klima, nur die Nordspitze reicht fast an die subtropische Zone. Es ist zwar das kleinste Land, doch hinsichtlich seiner fortschrittlichen Sozialgesetze und vorbildlichen Demokratie wird es oft als „die Schweiz Südamerikas“ bezeichnet. Die Landeshauptstadt Montevideo liegt auf dem 35. Grad südlicher Breite, also dem gleichen wie Kapstadt in Südafrika! Das Land kennt keine Militärpflicht, garantiert völlige Religionsfreiheit und besitzt kaum Analphabeten. Es wird dort, genau wie in Paraguay, spanisch gesprochen und die Bevölkerung ist vorwiegend römisch-katholisch. Es gibt keine Staatsreligion. Einstimmig entschied sich die Lemberger Gruppe für Uruguay. Zunächst musste aber ein Vertreter gewählt werden, um gemeinsam mit den Danziger Vertrauensmännern mit Bruder Peter Dyck zu verhandeln. Die Wahl fiel auf meinen Vater, trotz seines schlechten Gesundheitszustandes und der Proteste meiner Mutter. Papa übergab nun eine komplette Liste unserer Gruppe dem MCC-Vertreter, Bruder Peter Dyck, und wir hofften auf eine positive Entscheidung.
Doch nun will ich versuchen, das unvergessliche Erlebnis der Seereise zu schildern. Einundzwanzig Tage „segelten“ wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 340 Seemeilen [pro Tag] in südwestlicher Richtung durch den unermesslichen Atlantik. Zweitausend Emigranten fuhren mit ihrer kärglichen Habe voller Zuversicht und froher Erwartung einer neuen Zukunft entgegen, im Vertrauen auf die Hilfe des Mennonitischen Zentralkomitees. Die kleinen Unbequemlichkeiten ertrugen wir mit Geduld. Wir mussten unsere Wäsche mit Seewasser waschen und das war trotz der besonderen Seife recht unzulänglich. Wir hatten genügend Duschräume und Badewannen zur Verfügung, doch auch hier durfte nur Seewasser benützt werden. Da die Speiseräume nur zu den Mahlzeiten geöffnet wurden, hatten wir nicht viel Bewegungsfreiheit, geschweige denn bequeme Sitzplätze. Dicht gedrängt standen wir meist an der Reling und wurden nicht müde, das unermessliche Meer im Wechselspiel von Wellen und Wind zu betrachten. Wir spähten nach dem Horizont und freuten uns, sobald wir ein Schiff oder Wale entdeckten. Dreimal täglich wurden uns warme Mahlzeiten serviert. Jeden Morgen gab es gekochten Brei, ein Ei, Brot, Butter, Marmelade und Kaffee mit Milch. Das Mittag- und Abendessen bestand aus drei Gängen: nach Jahren aßen wir wieder Schinken, Lammfleisch, Schweinebraten und Kalbsschnitzel. Immer wurden Brot und Butter sowie Kaffee oder Tee gereicht.
Am Samstag, dem 9. Oktober, erhielt jeder Passagier viereinhalb Gulden Taschengeld. Ich kaufte mir sogleich eine Schokolade für 17 cts. Kurz darauf wurde ich per Lautsprecher ins Krankenrevier gerufen. Dr. Klugquist [mehrfach auch ‚Kluquist’ geschrieben], der uns bis ins Lager Arapey begleitete, bat mich, einige Blutanalysen durchzuführen. Das winzige Schiffslabor wurde nun zu meiner Klause während der restlichen Reise. Ich fand es lustig, wenn die Blutkörperchen beim Zählen im Schiffsrhythmus hin und her tanzten! – Am Sonntag, dem 10. Oktober, fuhren wir auf der Höhe von Biskaya und es gab sehr viele Seekranke. Es wurde beachtlich wärmer und wir zogen Sommerkleider an. Am Nachmittag kam dann die spanische Küste mit Vigo in Sicht. Das Schiff schaukelte jedoch so gewaltig, dass viele den ganzen Tag im Bett verbrachten. Die armen Jungs wurden des Nachts im Bug furchtbar durchgerüttelt. Dabei gab es am Abend ein besonders gutes Essen: Cream Pierre le Grand – Gebraden varkensvlees [Schweinebraten] – Gestoofte knolraapen [ungenau; eher Kohlrübe als Kohlrabi] – Gekookte aardappelen [gekochte Kartoffeln] – Vers fruit [frisches Obst] – Koffie [Kaffee]. (So stand es auf dem Speiseplan, den ich zufällig aufbewahrte).
Hier muss erwähnt werden, dass wir uns allabendlich auf dem Mittschiff zur Andacht versammelten, die abwechselnd von Danzigern und Rußlandmennoniten gestaltet wurde. Unvergesslich klingen mir noch die Choräle der Rußlandmennoniten im Ohr, aus gläubigen, leidgeprüften Seelen entsprungen, ergreifend wie die Messgesänge in unseren ukrainischen Kirchen. Wie wunderbar sangen sie „Ich bete an die Macht der Liebe“! – Besonders gefiel mir aber ihr Lied „Hand in Hand mit Jesus will ich sicher gehn“, da es so gut zu unserer Stimmung passte. Wenn dieses herrliche Lied dann mit dem Refrain ausklang: „Hand in Hand mit dem Herrn kann mir nichts geschehn. Hand in Hand mit Jesus werd ich sicher gehn“, legte sich alle Furcht vor der ungewissen Zukunft und man fühlte sich sicher und geborgen auf dem unendlichen Meere.
Am Montag, dem 11. Oktober, befanden wir uns auf der Höhe der portugiesischen Küste, waren aber zu weit entfernt, um diese zu sichten ... Das Wetter war herrlich warm und des Nachts grüßte uns der zunehmende Mond vom Sternen übersäten Himmel. – Am Dienstagnachmittag hatte ich ein einmaliges Erlebnis. Ich schrieb gerade Befunde, als Frl. Epp, die Hebamme, mich dringend um Hilfe bat. Eine Geburt stehe bevor und Dr. Kluquist sei noch nicht eingetroffen; ich solle doch um Himmels Willen kommen und ihr assistieren. Ich protestierte, dass ich nichts davon verstünde, aber sie zog mich einfach mit. Es ging alles ganz schnell, nur erschrak ich mächtig, als ich die um den Hals gewickelte Nabelschnur sah, aber Frl. Epp meisterte die Situation wunderbar schnell. Und als Dr. Kluquist eintraf, schrie der kleine Wiebe bereits kräftig und der Arzt konnte nur noch gratulieren.
Am Mittwoch, dem 13. Oktober, kamen die Kanarischen Inseln in Sicht. Wir fuhren in den malerischen Hafen von Las Palmas ein. Er liegt zu Füßen eines vulkanischen Bergmassivs. Zum ersten Mal sahen wir damals Palmen im Freien wachsen. Leider durften wir das Schiff nicht verlassen, wurden aber von vielen Booten umringt und trieben Tauschhandel. Die Volendam tankte Treibstoff und ergänzte die Trinkwasservorräte, bevor wir nach Südamerika weiterfuhren. In Las Palmas erhielt Bruder Peter Dyck die telegraphische Einreisegenehmigung für 700 aus Danzig und Polen stammende Mennoniten. Damit hatte die Euphorie unserer Galizier ihren Höhepunkt erreicht. Am späten Nachmittag lichteten wir den Anker. Wir sahen die malerischen, vulkanischen Inseln immer weiter fortrücken, bis sie hinter dem Horizont entschwanden. Nun stand uns noch eine 15-tägige Seereise bis Montevideo bevor. – Die nächsten beiden Tage waren unerträglich heiß. Mittags stand die Sonne genau im Zenit und das Thermometer stieg auf 53 Grad Celsius an. Mein Papa fühlte sich sehr elend und litt an Atemnot. – Am Freitag, dem 15. Oktober, erreichten wir den Wendekreis des Krebses. Am nächtlichen Himmel tauchten allabendlich prächtige neue Konstellationen auf, während die bislang gewohnten nördlichen Sternbilder entschwanden. Der Polarstern war noch knapp überm Horizont zu sehen und im Süden zeigte sich das berühmte Sternkreuz, umrahmt von dem Sternbild des Centaurus. Unsere Nachbarsonne, Alpha Centauri, erstrahlte dort im herrlichen Glanze. Sie ist der dritthellste Stern des südlichen Himmels. Nie hätten wir gedacht, dass wir sie einst mit eigenen Augen sehen würden. Wir näherten uns dem Äquator und passierten ihn am Sonntag, dem 17. Oktober, auf dem 28° 31´ westlicher Länge. Gegen Abend kam ein starker Wind auf und es begann zu regnen. Auch am Montag blieb das Wetter kühl und regnerisch und besserte sich erst am Dienstag. Nur der Wind nahm an Stärke zu und unsere Volendam wurde arg hin und her gerüttelt!
Am Mittwoch, dem 20., erfuhren wir, dass wir uns bereits auf der Höhe von Recife, Brasilien, befanden. Das Wetter war schön und wir konnten ganze Geschwader fliegender Fische beobachten. Sie flogen in geringer Höhe bis zu 200 Meter weit und tauchten dann wieder unter. Manchmal sprang ihnen ein großer Fisch nach und schnappte einen der silbrigen Flieger. – Am Donnerstag, dem 21., erwartete uns eine besondere Überraschung: Elfriede und Peter Dyck verteilten amerikanische Kleiderspenden. Wie sehr freuten wir uns über die neuen Kleider und Schuhe. Leider kamen die Männer schlechter weg als wir Frauen und Kinder.
Am 22. 10., einem Freitag, überquerten wir den Wendekreis des Steinbocks. Obwohl die Sonne immer noch im Zenit stand, war die Hitze durchaus erträglich, da ein angenehmer Wind uns erfrischte. – Am Samstag war der Himmel ziemlich bedeckt. In der Nacht konnten wir zum ersten Mal das durch winzige Algen verursachte Meeresleuchten beobachten. Obgleich kein Mond schien, glänzten die Wellen, als ob sie von unten mit einem schwefelgelben Lichte angestrahlt würden, das an den Wellenkämmen besonders intensiv aufblitzte. Welch ein wunderbarer Anblick!
Nun kam unser letzter Sonntag an Bord, der 24. Oktober. Eine kalte Südostbrise zwang uns, die bereits als überflüssig verwahrten Sweater aus den Koffern zu holen. Wahrscheinlich war der Oktober auf der südlichen Hemisphäre genauso launisch wie unser April! Da ich die Speisekarte jenes Tages aufbewahrt habe, weiß ich genau, was wir zum Abendmahl [Abendessen] bekamen: Cream Parmentier – Gebraden ham [gebratener Schinken] – Gestoofte spinazie [gedämpfter Spinat] – Gekookte aardappelen – Vers fruit – Koffie.
Am darauf folgenden Montag wurde es noch kühler. Das Schiff schaukelte gewaltig bei Windstärke 6! Es wurde schließlich so kalt, dass wir Wintermäntel anzogen! Am Dienstag, dem 26. Oktober, sahen wir am Horizont eine Möwenschar fliegen. Nun wussten wir, dass wir uns in Küstennähe befanden. – Am Mittwoch, dem 27. Oktober, wurde es zum Glück wärmer. Wir änderten den Kurs und fuhren jetzt genau nach Westen. Wahrscheinlich befanden wir uns in unmittelbarer Nähe der Rio-de-la-Plata-Mündung. Am Abend konnten wir dann die Küstenumrisse im Norden erkennen. Die Schiffsmotoren wurden ausgeschaltet, denn wir sollten erst am nächsten Tag nach Montevideo einlaufen.
Am Donnerstag, dem 28. Oktober, waren wir schon vor Morgengrauen an Deck. Unser Schiff wurde langsam zur Hafeneinfahrt gelotst. Deutlich sahen wir die Silhouette Montevideos, mit vielen Hochhäusern und einem links vom Hafen emporragenden Hügel. Wahrscheinlich war dies der Berg (mons, montis, monte, montem – erinnerte man sich) [an den Lateinunterricht], von dem die Stadt ihren Namen herleitet. Wir sehen den Berg: Montem videmus!
Wir wussten nicht, dass die Zeitungen die Ankunft der „Colonos Mennonitas“ mit Schlagzeilen angekündigt hatten und waren überrascht, als uns eine Unmenge schaulustiger Südländer freundlich winkend begrüßte! Das Wetter war wunderbar warm. Die Sonne strahlte am fast wolkenlosen Himmel, als der Laufsteg heruntergelassen wurde und die [Vertreter der] Einwanderungsbehörde, von einer Reporterschar gefolgt, unsere Volendam bestiegen. Langwierig waren die Gesundheitskontrolle und die Erteilung der legalen Einreisegenehmigungen.
Wir bekamen noch ein Mittagessen an Bord serviert und dann nahmen wir Abschied von Peter und Elfriede Dyck. Sie schenkten jedem ein Bild der Volendam mit der Widmung Mose 5 Kap. 8, Vers 7-20. Sie klärten uns auf, dass wir in zwei verschiedenen Lagern bis zur Ansiedlung unterkommen würden. Das eine lag im Depto. Salto, 570 km von Montevideo, das andere in Colonia, nur 160 km von Montevideo entfernt. – Noch am gleichen Nachmittag traten 500 Personen, darunter unsere Familie, die weite Reise nach dem Norden ins Campamento Mennonitas Arapey im Departement Salto an.
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