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... Brücke zu den Vorfahren

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Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay - Seite 4

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Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay
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Galizier im Lager Arapey (Uruguay)   

Erst am späten Nachmittag setzte sich unser Zug in Bewegung. Wir Galizier hatten die Nachbarabteile besetzt; unsere Familie und Onkel Richard mit 5 Personen belegten Plätze im gleichen Abteil. Eine Delegation von Methodisten und Waldensern hatte uns zum Bahnhof geleitet. Sie hatten geholfen, unsere Koffer zu tragen und hatten Lebensmittelspenden sowie Süßigkeiten verteilt. Auch die Vertreter des MCC versahen uns mit Proviant für die lange Reise. Wir fuhren zunächst in westlicher, dann in nördlicher Richtung, also der Mittagssonne entgegen. Alle versuchten zu schlafen, so gut das auf den harten Bänken möglich war oder spähten neugierig ins Dunkel. Das Land war leicht hügelig, spärlich besiedelt, denn wir passierten nur selten kleine Städtchen mit elektrischer Beleuchtung. Auch diese wiesen einen anderen Charakter als unsere europäischen Kleinstädte auf – man sah keine Giebeldächer. Uns fielen die kastenförmigen, flachen Häuschen auf. Je weiter wir uns von Montevideo entfernten, desto menschenleerer wurde die Gegend. Schließlich dösten wir alle ein.

Als wir bei Morgengrauen wieder an einem kleinen Bahnhof hielten, beschlossen wir, etwas Trinkwasser zu holen. Auf einer Bank vor der Bahnstation saßen einige dunkelhäutige Männer. Ein seltsames rundes Gefäß, aus dem ein Metallstab herausragte, ging von Hand zu Hand und jeder nuckelte eine Weile an dem Stäbchen. Aus einer Thermosflasche gossen sie ab und zu Wasser nach. Wir wunderten uns, welch ein Getränk es sei und meinten, es handle sich vielleicht um einen Aufguss von Kokablättern. Die Männer sprachen uns sehr freundlich an, aber wir verstanden kein Wort. Wir sagten nur „Buenos dias“, die einzigen Worte, die wir wussten. Dann ging es weiter nach dem Norden. Endlos wie das Meer hob und senkte sich das Land und verschmolz am Horizont mit dem tiefblauen Himmel. Einmal sprang ein Hase hinter einem Busch hervor und Onkel Richard begrüßte erfreut den alten Bekannten. Die Eisenbahn ratterte durch Weidegebiet, wo hinter Drahtzäunen große Herden schwarz-weißer und schwarzer Rinder und geschorener Schafe grasten. Ab und zu sah man Reiter in breitkrempigen, unterm Kinn festgebundenen Hüten und weiten Pluderhosen. Wir waren uns einig, dass diese Gauchos seien.

Neugierig verfolgten wir jede Einzelheit, und die Landwirte freuten sich über jedes große, bebaute Feld, an dem wir vorbeifuhren. Manchmal sahen wir ein schönes Gutshaus mit einer Palmenallee von ferne, doch nirgends entdeckten wir ein europäisch anmutendes Dorf mit dem vertrauten Kirchlein. Wir passierten zwei größere Städte, Paysandú und nach einigen Stunden Salto. An den Haltestellen gingen wir am Bahndamm spazieren und wurden stets von Neugierigen bestaunt. Die Sonne stand bereits tief im Westen, als wir eine Eisenbahnbrücke überquerten. Wir waren am Ziel: Campamento Militar Arapey. Gleich vergaßen wir Müdigkeit und geschwollene Beine, denn wir wussten, dass die Dunkelheit schnell hereinbrach und wir vorher noch unser Gepäck entladen mussten. Unverzüglich gingen wir ans Werk. Nahe am Bahngleis stand ein Haus und ein angenehmer Duft von geschmortem Fleisch wehte uns entgegen. Am Tisch im Freien saßen mehrere Männer und Frauen. Auf einem Rost über dem offenen Feuer schmorte ein riesiges Stück Fleisch. Diese Prozedur des Bratens über offenem Feuer haben wir damals zum ersten Mal gesehen. – Obwohl wir uns sehr beeilten, war es bereits finster, als wir die zum Übernachten angewiesenen ehemaligen Pferdeställe erreichten. So tappten wir im Dunkeln auf dem bereitliegenden Stroh nach einem Plätzchen für unsere müden Häupter.

Am nächsten Morgen standen wir mit der Sonne auf, um uns die neue Umgebung bei Tageslicht anzusehen. Papa, Onkel Edi und Richard, Onkel Severin Beigert, Rudolf Köhli, der Tierarzt, und andere Männer unserer Gruppe gingen auf Erkundung aus. Hohe Bäume säumten die parallel zum Fluss Arapey verlaufende Lagerhauptstraße. Die beiden Forstleute erkannten sofort, dass es Eukalyptusbäume waren. Die anderen kleineren Laubbäume erkannten sie nicht. Hinter dichtem Ufergebüsch sah man im Süden den Arapey in der Morgensonne leuchten. Sonst dehnten sich nach allen Blickrichtungen endlose Grasflächen, und westlich der schnurgeraden Bahnschienen konnte man in der Ferne eine große Viehherde weiden sehen.

Vor den Lagertoren stand eine Gruppe Gauchos, die das bereits erwähnte, mit Metallstab versehene Gefäß von Hand zu Hand reichte. Onkel Richard meinte, es sei wohl ein Ritual, wie das Friedenspfeife-Rauchen bei den Indianern. Der Vergleich war treffend, da diese kupferhäutigen, schwarzhaarigen Gesellen den Indianern sehr ähnlich sahen. Hinter ihren breiten Ledergürteln steckten imposante, bis zu 25 cm lange Messer in Lederschäften. „Buenos dias“, grüßten die Gauchos, als unsere Herren näher kamen, „Buenos dias“, antworteten die anderen. Ihren Redeschwall verstand niemand, nur das eine immer sich wiederholende Wort „Mate, yerba mate“, klang deutlich heraus. Sie gossen heißes Wasser aus dem Teekessel ins Gefäß und reichten es Onkel Richard, der es lächelnd entgegennahm, das Stäbchen an die Lippen führte, einen zaghaften Schluck tat und es dann mit strahlendem: „Gracias“ zurückgab. Nun mussten auch alle übrigen trinken und als die Gauchos mit Gesten ergründen wollten, wie es schmeckte, schlug Onkel einfach die Augen entzückt auf und sagte: „Si, si - bueno.“

An diesem ersten Morgen in Arapey wurden den einzelnen Gruppen Quartiere zugewiesen. Die Lemberger erhielten drei solide, bungalowartige Häuser an der Bahnstrecke und eine Reihe primitiver Rohziegelhäuschen, die an einem Feldwege zwischen Lager und Fluss standen. Wir kamen im Haus III westlich der Bahnstrecke unter. Unsere fünfköpfige Familie teilte das große Zimmer mit dem betagten Onkel Eduard Bachmann, dessen Frau Emma und Tochter Helene nebst Ehemann Gustav Rupp und dem 13-jährigen Sohn Hans. In einem kleinen Durchgangszimmer ließ sich das Ehepaar Düsterdyck, Erich und Hilde, eine geborene Rupp, nieder und im dritten Zimmer die Familien Ramner – Herzer mit sechs Personen. Wir hatten eine Küche mit Herd, ein Badezimmer mit WC und, zu unserer großen Freude, laufendes Wasser, wenngleich dieses sehr warm war, da es von einer Thermalquelle stammte.

Ein großer, behäbiger Danziger, den sie den „Käse-Schmidt“ nannten, organisierte die Lagerküche. Nachdem er uns einige Tage nur Eintopf aus Hammelfleisch und Reis vorgesetzt hatte, auf dem obendrein noch eine fingerdicke Fettschicht schwamm, protestierten die Lemberger und baten um Verteilung der Viktualien „in natura“. Nun konnte jedes das Hammelfleisch nach Belieben zubereiten. Wir fassten [erhielten] außerdem Reis, Mehl, Sonnenblumenöl, Käse, Zucker, Honig und eine Art „Kreolenzwieback“, den man Galleta nannte. Gemüse war Mangelware!

Da das Wetter angenehm warm war – wir hatten mittags oft 30 Grad – hielten wir uns meist im Freien auf und nahmen auch die Mahlzeiten auf der Veranda oder im Schatten der Eukalyptus- und Paraisobäume ein. Zum Sitzen gebrauchten wir die mitgebrachten Klappstühle oder Kisten, auch die Tische wurden aus Kisten angefertigt. Abends ging man ins Lagerzentrum zum Gottesdienst.

Bei diesem engen Kontakt mit der Natur wurden wir mit der eigenartigen Fauna dieser Zone vertraut. Da sah man riesige südamerikanische Strauße (Rhea americana), die oft die Größe meines Bruders (1,82 m) erreichten, über die Wiesen stelzen. Man nannte sie hier avestruz oder ñandú (sprich: njandú – mit Betonung auf der Endsilbe). Sie hatten ein graues, an den Flügelenden schwarzes Federkleid, und da diese Federn zur Herstellung von Staubwedeln sehr begehrt waren, galoppierten ihnen die Gauchos mit schwingenden Boleadoras nach und brachten sie mit wohlgezielten Würfen zu Fall.

Dabei waren die Strauße recht zutraulich: Wie oft hielt ich ihnen Brotschnitten entgegen und sie holten sich diese mit blitzschnellem Zuschnappen ihrer riesigen Schnäbel. Man sah dann die Bissen den langen Hals hinab gleiten. Eines Tages hatte Tante Hella Pfannkuchen als Nachspeise zubereitet und aufs Küchenfenster zum Kühlen gelegt. Als sie das Hauptgericht beendet hatten, wollte sie den Nachtisch holen, aber der Teller war leer. Hinter der Hecke sah man zwei Strauße gemächlich davon stelzen! Die elfenbeinartigen Eier dieser Vögel sind 16 cm lang und müssen mit einer Laubsäge geöffnet werden! Ein solches Ei hat die Kapazität von 12 Hühnereiern, reicht also für einen riesigen Kuchen. – Hinzufügen möchte ich, dass sie in Sammelnester gelegt werden und dass wir sie von den Gauchos geschenkt bekamen.

Die blühenden Sträucher und Pflanzen wurden mehrmals täglich von grün schillernden Kolibris (Chlorostilbon lucidans) besucht, die ihre langen Schnäbel tief in die Kelche senkten, um sich am süßen Nektar zu laben. Voller Staunen beobachteten wir, wie diese kaum 8 cm langen, eher an Schmetterlinge erinnernden Vögel in der Luft stillstehen konnten durch die unheimlich schnellen Bewegungen ihrer Flügelchen. Ja, selbst nach rückwärts konnten sie fliegen, wenn sie den Schwanz plötzlich herunterneigten! Hier nannte man sie „picaflor“, zu Deutsch: Blumenstecher.

Interessant waren auch die [Nester der] Backofenvögel (Furnarius rufus), welche die Äste, Telegrafenstangen oder Zaunpfosten krönten. Sie wurden von einem grauen unscheinbaren Vogel mit brauner Zeichnung aus Lehm [und Schlamm, Gras sowie Kuhmist] gemauert und erinnerten sehr an unsere ukrainischen Bauernbacköfen im Freien. Später erfuhr ich, dass dieser Vogel, el hornero, zum uruguayischen Nationalvogel erkoren wurde.

Mein Bruder Gustl, ein passionierter Angler, konnte der Versuchung des nahen Arapey nicht lange widerstehen. Mit Hilde, Hans und dem kleinen Ramnerjungen suchten sie vergeblich nach Würmern in dem ausgedörrten Boden. Als Hans Rupp unter einem Stein nachsehen wollte, schrie er plötzlich auf. Ein schwarzer Skorpion, der darunter verborgen war, hob jetzt angriffslustig seinen Stachelschwanz über den Kopf. Gustl riss Hans zurück und erschlug das Scheusal. Damals wussten wir noch nicht, dass der Biss des hiesigen Skorpions zwar sehr schmerzhaft, jedoch nicht lebensgefährlich ist. – Unsere Angler nahmen schließlich Fleisch als Köder und brachten schon nach kurzer Zeit reichen Fang: 1-3 kg schwere, goldgelb geschuppte Dorados (Salminus maxillosus) von ausgezeichnetem, karpfenähnlichem Geschmack. Bei weiteren Angeltouren brachten sie andere wohlschmeckende Fische: graue, hechtähnliche Tarariras (Hoplias malabaricus), großköpfige, schuppenlose Bagres und Aale.

Eines Nachts weckte uns lautes Poltern bei den draußen aufgestapelten Kisten. Wir wagten jedoch nicht nachzusehen, aus Angst vor Dieben. Morgens gingen die Männer mit Stöcken bewaffnet zu den Kisten und als Onkel Gustav die oberste Kiste zur Seite schob, schlüpfte eine etwa eineinhalb (1,50) Meter lange Rieseneidechse aus der unteren heraus und entschwand im Nu hinter den Büschen. Ein anderes Mal fanden wir zwischen den Kisten eine riesige, schwarz behaarte, Ekel erregende Vogelspinne. Wir begossen sie mit Petroleum und blauem Alkohol. Sie rannte los und wir auch! Bald blieb sie aber auf der Strecke, sodass wir sie erneut mit Brennspiritus begießen und anzünden konnten. Diese Spinne verzehrt kleine Vögel, Mäuse und Küken.

Bei Onkel Richard stellte sich eines Abends seltener Besuch ein, ein Gürteltier, das meine Cousine Irene gleich ins Herz schloss und mit Fleisch fütterte. Wie staunten wir über dieses vorsintflutlich anmutende Geschöpf! Ein Schuppenpanzer bedeckte den ganzen Körper von der Nasen- bis zur Schwanzspitze, nur in der Mitte sah man biegsame Gürtel. Besonders ulkig war der lange, dreieckige Kopf mit den winzigen Äuglein und riesigen Ohren!

Ein anderes Mal haben die Gauchos eine riesige, braune Schlange mit hübschem Muster getötet und an einem Baum aufgehängt – mit dem Kopf nach unten. Es war eine sehr giftige Yarará, fast zwei Meter lang! Kurz danach fing einer der Gauchos einen Kaiman, ein krokodilähnliches Riesenreptil im Arapey-Fluss. Er hatte des Nachts einen großen, mit Fleisch bezogenen Haken an einer Kette im Fluss versenkt und seine Beute am Morgen mit anderen Gauchos eingeholt und erschlagen. Die Haut wollte er verkaufen, den langen Schweif grillte er überm offenen Feuer und spendete eine 10-Liter-Flasche Wein zum Festmahl.



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adiabatic