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Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay - Seite 5

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Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay
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Das Warten auf die Ansiedlung

Meine Mutter schrieb im November 1948 nach Deutschland: „Alles, was wir in den letzten Monaten erleben durften, versetzt mich in einen fast traumhaften Zustand. Durch Gottes Fügung kamen wir statt in den paraguayischen Chaco in das gesegnete Land Uruguay. Wir sind vorübergehend in Arapey, einem ehemaligen Militärlager mitten in der Steppe untergebracht und erwarten hier die Ansiedlung. Obgleich wir uns bewusst sind, dass uns kein leichter Anfang bevorsteht, sind wir wieder glückliche und zufriedene Menschen! Nach dem vielen Herzeleid der letzten Jahre sind endlich Ruhe und Frieden in unsere Herzen eingezogen...“

Wie schwer indessen der Anfang in diesem fremdsprachigen Lande sein würde, konnten wir uns damals gar nicht vorstellen. Alle waren vielmehr überzeugt, mit Hilfe des Mennonitischen Zentralkomitees bald siedeln und ein eigenes Heim gründen zu können, denn schon kurz nach unserer Ankunft begannen die ersten Landbesichtigungen. Ein Vertreter des MCC, Bruder Martin, besichtigte mit Vertrauensmännern aus Arapey, zu denen auch mein Vater gehörte, diverse Objekte im Norden Uruguays, also in den Subtropen-Provinzen. Dies war mit erheblichen Strapazen verbunden, da man bei der enormen Hitze von über 40 Grad im Schatten weite Strecken mit dem Lastwagen und zu Fuß zurücklegen musste. Dabei wurde der Boden genau geprüft und begutachtet. Niemand außer dem Amerikaner, Bruder Martin, schien zu bemerken, dass mein Vater, oft nach Luft ringend, weit hinter den anderen zurückblieb. Bruder Martin war sehr besorgt um Papa, wollte aber meine Mutter nicht erschrecken und zog daher mich ins Vertrauen. Papa ließ gar kein Gespräch über dieses Thema aufkommen. Er sagte, es wäre nicht so schlimm und er müsse noch solange durchhalten, bis alle Galizier angesiedelt seien. Er machte sich große Sorgen, ob sich unsere Galizier, die niemals hinter dem Pfluge gestanden hatten, als Pioniere bewähren würden.

Indessen beschloss die Lagerleitung, eine Gruppe von jungen Männern, darunter meinen Bruder Witold, zum Arbeitseinsatz bei deutschen Siedlern zu entsenden. Was nützten meinem Bruder Abitur und Flugzeugführerausbildung! Er musste hier als Traktorist seine ersten Pesos verdienen. Die übrigen Lagerinsassen trafen Vorbereitungen für das erste Weihnachtsfest unter dem Kreuz des Südens. Wir bildeten einen Chor unter der Leitung von Hans Grenik und übten allabendlich im Schatten der Paraiso-Bäume. In Gedanken versuchte ich mir vorzustellen, dass um die gleiche Zeit unsere Freunde drüben, jenseits des Atlantiks, „Leise rieselt der Schnee“ sangen.

Bei uns stand die Sonne um die Mittagszeit fast im Zenit und die Temperatur erreichte oft 46 Grad im Schatten. Wir suchten, trotz inständiger Warnungen des uruguayischen Lagerkommandanten, in den Fluten des Arapey-Flusses Kühlung und es gab zum Glück keine unliebsamen Zwischenfälle. Als ich später erfuhr, dass am Boden dieses Flusses scheußliche Rochen mit giftigen Stacheln leben, lief es mir kalt über den Rücken! Gewiss standen wir unter Gottes Schutz, da uns weder Taranteln, Giftschlangen, Skorpione noch Rochen etwas zuleide taten. – Wie sehr sehnten wir an diesen heißen Tagen die Nacht herbei! Dann saß die Galizier-Jugend im Freien und trank Mate, denn wir hatten inzwischen entdeckt, welche belebende Wirkung dieser anfänglich als „scheußliche Brühe“ abgewertete Yerba-Mate-Trank hatte. Begleitet von Hans Greniks Gitarre und dem Gesang von Glockenfröschen und Zikaden erklangen die beliebten Schlager „Ramona“, „Roter Mohn“, „Möwe, du fliegst in die Heimat“ u. a. – Myriaden von Leuchtkäfern blitzten gleich Sternschnuppen im nächtlichen Dunkel und am Himmelszelt glitzerten wie köstliche Diamanten die südlichen Gestirne.

Manchmal wurden wir von einem plötzlich heranziehenden Tropengewitter verscheucht. Dann fegten orkanartige Winde dichte Staubwolken, trockenes Laub und abgerissene Zweige durch die Luft; ja, sie entwurzelten oft ganze Bäume! Unter gewaltigem Blitzen und Tosen ergossen sich enorme Wassermassen vom Himmel und die Temperatur sank innerhalb kurzer Zeit um 20 Grad. Wir zitterten dann vor Kälte und waren froh, dass unser Dach dichthielt. Kurz waren jedoch diese kühlen Intervalle: bald strömten wieder heiße Luftmassen aus Brasilien herein.

Am 23. Dezember hatte die Sonne ihren Höchststand erreicht und am 24. Dezember feierten wir die Heilige Nacht ohne Glockenklang und Weihnachtsbaum und ohne Geschenke. Und dennoch hatte uns das Christkind eine besondere Freude beschert: wir erhielten Post aus Deutschland. Mit tränenfeuchten Augen lasen wir die lieben Wünsche. – Mein Bruder Witold war leider zu Weihnachten nicht bei uns und auch zu Silvester war er abwesend. Er konnte sich die Reise nicht leisten, da er Geld für Kleidung brauchte.



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