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| Aus Montevideo: Galizische Mennoniten in Uruguay |
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Anfang Januar 1949 wurde mir durch die Tochter unseres Lagerführers, eines sehr weltmännischen und gebildeten Danzigers, eine Stelle als Gesellschafterin bei drei vornehmen Damen in Montevideo angeboten. Das Anfangsgehalt sollte 30 Pesos monatlich bei freier Kost und Wohnung betragen, auch kamen sie für die Reisekosten auf. Papa meinte, dies sei eine günstige Chance, um nach Erlernen des Spanischen einen neuen Start ins Berufsleben zu versuchen. Ich hatte das Lagerleben gründlich satt und begrüßte diese Gelegenheit, aus den primitiven Verhältnissen herauszukommen. Der Abschied fiel uns jedoch sehr schwer, da die Entfernung bis Montevideo groß war (540 km!) und die Reise hin und zurück mehr kostete als mein Monatsgehalt betrug, wir somit mit einer langen Trennung rechnen mussten. Papa riet mir, mich dem Lagerleiter anzuschließen, der Mitte Januar zu einer Besprechung der MCC-Vertreter mit dem Kolonisations-Amt nach Montevideo reisen musste. Schweren Herzens fuhr ich einer neuen Zukunft in der fremden Stadt entgegen und malte mir im Geiste die unbekannten „vornehmen Damen“ nach unserem europäischen Klischee aus: hochmütig und reserviert, vielleicht etwas herablassend. Doch die beiden schwarzhaarigen, eleganten Damen, die mich an der Endhaltestelle erwarteten, begrüßten mich wie eine alte, liebe Bekannte mit Umarmung und Kuss. Obgleich wir uns nur mühsam verständigen konnten, war ich von ihrem Charme, ihrem melodischen Redeschwall und ihren graziösen Bewegungen entzückt.
Als wir auf den von Bäumen gesäumten Straßen mit hell erleuchteten Schaufenstern und riesigen, farbenprächtigen Leuchtreklamen fuhren, glaubte ich zu träumen! In den letzten Jahren hatte ich ja nur die Trümmer unserer deutschen Großstädte gesehen; diese Oase des Friedens raubte mir den Atem. So stieg ich wie betäubt die Marmortreppe der hübschen, einstöckigen Villa hoch, wo die dritte „vornehme Dame“ mich mit der gleichen Herzlichkeit in die Arme nahm. Ich wurde sofort in den Familienkreis aufgenommen und man versuchte, mir das Einleben in jeder Hinsicht zu erleichtern. Vormittags verrichteten wir gemeinsam alle häuslichen Pflichten, nachmittags fuhren wir nach der Siesta zum Strand. Bei kühlem Wetter begaben wir uns ins Stadtzentrum, wo ich entzückt die schönen Auslagen betrachtete. Wie gerne hätte ich mir ein modernes Kleid oder ein Paar Schuhe gekauft! Aber was konnte man schon mit 30 Pesos im Monat anfangen! Dennoch waren diese pekuniären Sorgen belanglos, wenn ich an Papas schlechten Gesundheitszustand und an unsere ungewisse Zukunft dachte.
Eines stand indessen fest: man musste als erstes die Landessprache erlernen. Das Spanische ist insofern komplexer als andere romanische Sprachen, da viele Worte aus dem Arabischen entlehnt und andere hier in Südamerika von den Indianern übernommen wurden. Ein Beispiel hierfür ist der Name des Flusses, nach dem dieses Land benannt wurde: „Uru-gua-y“ bedeutet in der Ureinwohnersprache „Fluss der Vögel“. Viele Eigenarten weist auch die Aussprache auf. Unser „j“ wird als „ch“ ausgesprochen und unser „ch“ als „tsch“. Mein Name lautete hierzulande „Batschmann“.
Ich freute mich sehr über die ersten Briefe aus Arapey: Leider hatte Papa wenig Erfreuliches mitzuteilen. Er berichtete von einer großen Zusammenkunft im Lager. Die MCC-Vertreter legten ihre Karten offen auf den Tisch. Sie erklärten, dass sie nicht genug Geld zur Verfügung hätten, um fünf Hektar pro Familie zu kaufen. Die Verpflegungsgelder würden in sechs bis sieben Monaten verbraucht sein und nachher müsse man sich selbst erhalten. Obwohl Papa versicherte, dass alle Verwandten guten Mutes seien und die Köpfe nicht hängen ließen, war ich beunruhigt. Wie sollte es nun weitergehen? Was sollte aus uns werden? Und ich schöpfte Trost und Hoffnung aus dem 23. Psalm, den wir im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt hatten. Im vierten Vers heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Sobald ich genügend Spanisch gelernt hatte, um mich zu verständigen, fuhr ich alle Sonntage zu den Andachten im Mennonitischen Zentralkomitee [das MCC besaß demnach dort ein Haus]. Dort bot man mir eine Stelle mit 50 Pesos Anfangsgehalt bei einer amerikanischen Diplomatenfamilie an. Obgleich es mir schwer fiel, die liebenswürdigen Uruguayer zu verlassen, konnte ich in Anbetracht unserer miesen wirtschaftlichen Lage nicht lange zögern; ich trat schweren Herzens im April die neue Stelle an. Die beiden Söhnchen Johnny und Jimmy schenkten mir sofort ihre Zuneigung und ich musste ihnen allabendlich Geschichten vorlesen. Sie spotteten niemals über meine englische Aussprache, sondern korrigierten mich ganz schulmeisterlich ernst. Ostern verbrachten wir in einem feudalen Bungalow am Atlantikstrand. Wir gingen in den Kiefernwäldchen oder am Strande spazieren und meine sehnsüchtigen Blicke schweiften übers Meer nach dem fernen Heimatlande.
In Montevideo wartete eine traurige Nachricht auf mich. Eine Verwandte, die sich entschlossen hatte, eine Stelle im gleichen Diplomatenhause anzunehmen, brachte Mamas unglücklichen Brief. Papa hatte einen ganz schlimmen Herzanfall erlitten. Wie schnell hatte Mamas Zukunftstraum geendet! Papa musste sich von nun an schonen und das Haus hüten. Er erholte sich ein wenig und schrieb mir wieder lange Briefe. Es gab verschiedene Neuigkeiten: der Lagerleiter hatte sich mit einigen Verwandten selbständig gemacht und eine Pacht bei Montevideo übernommen. Ein Zahntechniker aus unserer Gruppe fand eine Stelle in seinem Beruf. Die übrigen Galizier waren weiterhin „auf Arbeitseinsatz“. Das MCC verhandelte weiter mit dem Kolonisations-Amt und erwog den Kauf einer 1500 ha großen „Estancia“ (Viehzuchtfarm) bei Paysandú. Aber – wie sollten 700 Menschen auf dieser kleinen Fläche siedeln? Ich war damals zu sehr über Papas Gesundheitszustand besorgt, um mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, ich hatte auch niemals beabsichtigt, aufs Land zu gehen. Vielmehr versuchte ich, durch unseren Doktor Klugquist, der gerade in Montevideo seine Nostrifikation [Anerkennung eines im Ausland erworbenen Diploms] vorbereitete, in einem Labor unterzukommen.
Inzwischen war bei uns der Winter gekommen und die Temperatur sank nachts oft unter Null Grad. Es schneite nicht und nur einige Laubbäume hatten ihre Blätter verloren. Die Palmen und Eukalyptusbäume behielten ihren Laubschmuck. Es regnete sehr viel und wenn der eisige Südwind blies, den sie hier Pampero nennen, froren wir ganz erbärmlich. Die Diplomatenfamilie war nach Nordamerika in Urlaub gefahren und ich hatte Aussicht auf eine unentgeltliche Praxis [etwa: ein Praktikum oder eine Probezeit] im Hygiene-Institut, als sich der Gesundheitszustand meines Vaters sehr verschlechterte. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ich fuhr nach Arapey und fand meine Eltern im Krankenrevier. Wie sehr hatte sich mein lieber, armer Vater verändert! Er konnte kaum gehen, sein Atem ging in kurzen Stößen und aus dem wachsfarbenen, eingefallenen Gesicht blickten mich seine großen, gütigen Augen forschend an. Also hatte Dr. Schreiner Recht gehabt mit seiner Prognose: die fatalen Folgen des Klimawechsels waren eingetreten. Ich fühlte, dass Papa nicht mehr lange bei uns bleiben würde und es tat unendlich weh, wieder nach Montevideo zurückzukehren. – Ich hatte gemerkt, dass zwischen meinem Bruder Witold und Eva Beigert sich zarte Bande geknüpft hatten und war daher nicht überrascht, als sie sich bald darauf verlobten.
Mitte August [1949] schrieb Papa mir einen kurzen, fast unleserlichen Brief und zugleich kam Mamas SOS-Ruf, der mich nach Arapey zurückrief. Eva erbot sich, mich zu vertreten und dank ihrer Herzensgüte durfte ich noch zwei Wochen bei unserem lieben Papa bleiben, bis er am 12. September seine Augen für immer schloss. Auf dem Militärfriedhof von Arapey betteten wir ihn zur letzten Ruhe und der Chor sang zum Abschied: „Hand in Hand mit Jesus geh ich ein zur Ruh, schließen sich im Tode meine Augen zu.“ So hatte meine kaum 51-jährige Mama knappe 11 Monate nach unserer Abfahrt aus Deutschland ihren treuen Lebensgefährten, wir unseren innig geliebten Vater und Onkel Richard seinen letzten Bruder verloren.
Das amerikanische Diplomatenehepaar zeigte nach der Rückkehr aus den Staaten viel Mitgefühl, als es von Papas Tode erfuhr. Wir hatten eine offene Aussprache bei einem Glas Whisky – eine bisher unvorstellbare Geste. Ich sprach endlich über meinen Beruf und die Absicht, ein Comeback zu versuchen. Sie schlugen vor, ich sollte weiter bei ihnen wohnen, da die beiden uruguayischen Hausangestellten nur tagsüber blieben und sie wegen der vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen ihre Kinder in guten Händen wissen wollten.
Mein Comeback scheiterte aus verschiedenen Gründen: erstens sahen mich die wie Filmdivas zurechtgemachten uruguayischen Laborantinnen als Eindringling an, da bekanntlich die „Mennonitas“ nur zum Siedeln auf dem Lande befugt waren, zweitens kannte man hierzulande keine medizinisch-technischen Assistentinnen, weil es bis heute keine äquivalente Ausbildung gibt, und drittens wurde mir gleich zu Beginn klargemacht, dass eine Anstellung im Staatlichen Hygiene-Institut nur in Frage käme, wenn ich die uruguayische Staatsbürgerschaft beantrage. Das habe ich bis heute nicht getan und beabsichtige es auch in Zukunft nicht zu tun! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich der verständnisvollen Amerikanerin anzuvertrauen. Sie wusste Rat: ich sollte die Erziehung ihrer Kinder übernehmen, umso mehr, da ein drittes [Kind] unterwegs war. Als Nebeneinnahme sollte ich mit ihrer Hilfe einen kleinen Kindergarten einrichten, wo neben ihrem Jimmy noch drei bis vier kleine Amerikaner vormittags für die Schule vorbereitet würden.
Ich hatte ein geradezu unglaubliches Glück. Der amerikanische Diplomat wurde ins State Department nach Washington berufen und seine Frau überredete mich, für ein Jahr mit ihnen nach den USA zu fahren. Ohne Diplomatenhilfe hätte ich niemals einen Reisepass bekommen, denn es gab damals noch keine Deutsche Botschaft. Wir fuhren mit einem amerikanischen Liniendampfer; die Diplomatenfamilie in einer hocheleganten Suite erster Klasse, ich in der zweiten Klasse. Tagsüber hielt ich mich mit den Kindern in der ersten Klasse auf und schlief dann in meiner Kabine auf dem unteren Deck. Wir hielten in Rio de Janeiro, fuhren zum Zuckerhut und zur Christusstatue auf der Corcovado-Spitze [704 m]. In Trinidad hielten wir nochmals und gingen dann in New York an Land. Von dort ging es weiter nach Washington in einem wie ein „Living-room“ eingerichteten Eisenbahnwaggon. Die Landschaft war vielfältig: bebaute Felder, Farmhäuser, Wälder, zahlreiche kleine und große Fabrikstädte, erstklassige Autobahnen, etc. – Hier war die Welt wieder in Ordnung: die Sonne stand mittags im Süden und die bunte, herbstliche Landschaft erinnerte sehr an Europa.
Ich blieb 14 Monate in Nordamerika und hätte mit Hilfe meiner Chefs leicht ein Einreisevisum erhalten können, auch die Möglichkeit gehabt, nach sechsmonatlicher Praxis den amerikanischen Medical-Technologist-Titel zu erlangen. Aber ich war ganz krank vor Sehnsucht nach meiner Familie. Ich wog nur knappe 45 Kilo! Also kehrte ich im Dezember 1951 mit dem gleichen Liniendampfer wieder nach Montevideo zurück. Nun war die Familie wieder vereint. Mein Bruder Witold und Eva Beigert hatten nach meiner Abfahrt geheiratet und stellten mir nun stolz ihren Sprössling vor. Er war der erste Bachmann, der hier das Licht der Welt erblickte und brachte auch viel Freude und Licht ins Leben meiner vereinsamten Mutter. Auch mein Cousin Witold Bachmann, der seit drei Jahren in Buenos Aires lebte, kam zu Weihnachten zu Besuch. Es gefiel ihm so gut in Uruguay, dass er für immer herüberzog. Ich erwähne dies, weil wir später heirateten, als er eine gut bezahlte Stelle als technischer Zeichner bekam.
Der Text endet mit: „Fortsetzung folgt“, aber diese blieb aus. Nur ein Bericht von Arthur Schweitzer über die Mennonitenkolonie Delta fand sich in der Juni- bzw. Juli-Ausgabe 1982. Damit wir Lucy Bachmanns Sorgen um ihren Vater, Rudolf Bachmann, nachvollziehen können, ist es angebracht, auch zu lesen, was dieser vor September 1949 geschrieben hatte. Sein kurzer Bericht ist dem Buch von Arnold Bachmann entnommen: „Galizische Mennoniten im Wandel der Zeiten“, 1984, pp. 84-89; Arbeitskreis für Familienforschung Backnang. (Zu beziehen über: Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern). – Solch ein entsetzlicher Umgang mit Menschen darf nicht in Vergessenheit geraten!
Angepasst an die neue Rechtschreibung, Kommentare [in eckigen Klammern].
aus dem Mitteilungsblatt „Das heilige Band“ - Der Galiziendeutsche Jg. 37 (1980) Nr. 1, Jg. 38 (1981) Nr. 8-12, Jg. 39 (1982) Nr. 1
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hilfskomitee der Galiziendeutschen A. u. H. B. im Diakonischen Werk der EKD e. V.
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