Ich lebte mit meiner aus 5 Personen bestehenden Familie im Ostteil Galiziens als Mitglied der mennonitischen Gemeinde Lemberg. Unsere Vorfahren stammten aus der Schweiz, waren um 1700 in die Pfalz gezogen und 1784 in Galizien eingewandert. Ich hatte eine größere Gutspachtung (450 ha mit Spiritusbrennerei) bei Stanislau. Nachdem wir schon die Kriege Österreich mit Russland 1914-1918, Polen – Ukraine 1918-1919 und Polen – UdSSR 1919-1921 erlebten, kann man sich unseren Schrecken vorstellen, als am 1. September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach. Wir wussten gleich, dass für uns nun sehr schwere Zeiten kommen würden und beteten zu Gott, dass wir wenigstens lebend diese neue Katastrophe überstehen möchten. Ganz unverhofft erfuhren wir, dass die Sowjets am 16. September 1939 den Einmarsch in Polen begonnen haben. Wir waren nur 90 km von der Grenze entfernt. Die deutschen Truppen standen bei Stryj etwa 140 km westlich. Flüchten konnten wir nicht mehr, da alle Straßen durch die in Unordnung nach Rumänien zurückflutende polnische Armee überfüllt waren. Wir trachteten uns damit zu trösten, dass eine Revolution sich normalerweise in der ersten Zeit austobt und nach 22 Jahren (1917-1939) es wohl ruhiger zugehen sollte. Dies war ein großer Irrtum. Nach 24 Stunden war all unser Besitz restlos konfisziert und von einem kommunistischen Ortskomitee übernommen worden. Einige der Gutsnachbarn wurden ermordet. Nach weiteren 8 Tagen, am 25. September 1939, wurde ich von der NKWD (GPU) [politischen Geheimpolizei] verhaftet. Es war ein Tag des Schreckens und der Tränen für meine Frau und die Kinder, als die GPU-Schergen, Bajonette und Revolver in den Händen, unser Haus durchstöberten, mich verhafteten und wie einen Schwerverbrecher abführten. Ich wurde in das Kreisgefängnis gebracht, von wo ich nach 14 Tagen angeklagt, ein Großagrarier und „Blutsauger“ des Proletariats zu sein, dem Gefängnis der Distriktstadt Stanislau zur Verurteilung übergeben wurde.
Auf meinen Einwand, Deutscher zu sein und somit den Bestimmungen des deutsch-russischen Vertrages zu unterstehen und dass ich das Gut nicht in der Sowjetunion, sondern in Polen getreu den Landesgesetzen geführt habe, folglich nicht nach den Gesetzen der Sowjetunion abgeurteilt werden könnte, erhielt ich die Antwort, dass man auch in Deutschland und Polen die Kommunisten verhaftet habe und dass ein jeder auf der ganzen Welt, falls er seine Lebensweise nach der Revolution 1917 nicht kommunistisch umgestellt hätte, ihren Gesetzen unterstehe. Man sagte mir, dass ich mit etwa 15-20 Jahren Strafarbeit in Sibirien zu rechnen hätte. Zum gleichen Zeitpunkt, da die deutsche Umsiedlungskommission in Stanislau eingetroffen war, wurde ich in der Nacht einem Transport angeschlossen und am 14. Dezember 1939 nach Russland verschleppt. Meine Frau und Kinder wurden vom Gut vertrieben, fanden nach schweren Erlebnissen Zuflucht bei Superintendent Dr. Zöckler in den Evangelischen Anstalten in Stanislau. Ende Dezember 1939 wurden sie mit der Anstalt umgesiedelt und kamen nach Westpolen. Von hier aus unternahm meine Frau weitere Schritte, um mich auf diplomatischem Wege aus der Sowjetunion herauszuholen.
Ich selbst kam ins Gefängnis in Cherson am Dnjepr, später nach Nikolajew am Schwarzen Meer. Als ich vor Gericht kommen sollte und die Verschickung nach Sibirien bevorstand, setzte sich Botschafter Schulenberg aufgrund des deutsch-russischen Vertrages durch und man brachte mich über Kiew zurück nach Lemberg in das berüchtigte Brygidki-Gefängnis, dann über weitere drei Gefängnisse bis Brest am Bug, wo ich am 8. Juni 1940 den deutschen Behörden übergeben wurde. Während der ganzen Zeit meines Leidensweges in bolschewistischen Kerkern lebte ich mitsamt meinen Leidensgenossen (polnischen Adligen, Gutsbesitzern und hohen Beamten) in engen, finsteren Zellen, ohne jemals an die frische Luft und Sonne zu kommen, auf Zementfußböden schlafend, bei Wassersuppe und einem Stück trockenen Brotes. Um die schrecklichen Erlebnisse in den vielen Gefängnissen, das unmenschliche Hungern, die seelischen und physischen Qualen, die teuflischen Schikanen zu schildern, würden hier auch 20 Seiten nicht genügen. Die Nerven zerrüttet, physisch gänzlich gebrochen (30 kg Gewichtsverlust), übernahm mich die deutsche Gestapo und ich hatte Gelegenheit, drei Gestapogefängnisse kennen zu lernen. Nach langen Untersuchungen und Forschungen, nachdem man sich überzeugte, dass ich kein NKWD-Agent bin (die Sowjets übergaben mich ohne irgendein Dokument), gab man mich im Juli 1940 frei und ich konnte mich mit meiner Familie vereinigen. Nur mein starkes Gottvertrauen hat einen seelischen Zusammenbruch verhütet. Wir lebten nun in Westpolen, ich fand eine Anstellung als Betriebsleiter eines Gutes und wir konnten bis Januar 1945, verschont von den Schrecken des Krieges, in Ruhe arbeiten.
Am 17. Januar 1945 saßen wir abends beim Nachtmahl, als der Polizeikommandant hereinstürzte und meldete, dass die Sowjetpanzer plötzlich von Warschau aus durchgebrochen und bereits im Ort seien. So, wie wir saßen, stürmten wir hinaus, ließen das ganze neu angesparte Hab und Gut liegen. Ich hatte das Glück, den letzten flüchtenden Wehrmachtslastkraftwagen der am Orte stationierten Einheit anzuhalten. Wir sprangen hinauf und kamen auf der einzigen noch freien Straße aus der Umzingelung hinaus. Ringsherum brannten die Ortschaften lichterloh, ein Getöse von Granaten und überall rollende Panzer. Die Leuchtkugeln zeigten uns, dass auch bereits die Sowjetinfanterie angerollt war. Mit Gottes Hilfe kamen wir heraus und erreichten früh morgens, am 18. Januar 1945, die Stadt Kalisch. Einige Stunden vor unserer Flucht war die Mutter meiner Frau, die 82-jährige Oma Emma Frey, mit einem Müttertransport evakuiert worden und sollte dann mit uns zusammenkommen. Der Transport wurde in dem großen Wirrwarr an einen anderen Ort bei Posen geleitet und wir verloren unsere Oma. Wir konnten trotz größter Bemühungen nichts mehr über ihr weiteres Ergehen sowie ihren wahrscheinlichen Tod im Elend in Erfahrung bringen. Wir erfuhren nur, dass sie am 29. Januar 1945 in einer Ortschaft des Kreises Soldin östlich der Oder gewesen war. Groß ist der Schmerz der Kinder um das ungewisse, tragische Geschick der geliebten Greisin.
Unsere Kinder waren damals alle außer Hause. Am meisten sorgten wir uns um den Jüngsten, Gustav, welcher seit dem 4. Januar 1945 in einem Segelfluglager weiter im Osten war. Und hier geschah ein Wunder Gottes: Nachdem wir in einer Kaserne übernachtet hatten, ergriff mich eine starke innere Unruhe, ich lief zur entfernten Hauptstraße und beobachtete über eine Stunde die in größter Hast flüchtenden Menschen, tausende und abermals tausende. Im Moment, da ich schon zurückkehren wollte, erblickte ich auf einem voll gepfropften Lastauto unseren Jungen – die Freude war unbeschreiblich. Meine Frau, der ich nicht gesagt hatte, wohin ich ging, fiel fast in Ohnmacht, als ich den schon beweinten Jungen brachte.
Nun ging es weiter über die Oder, wo wir bei Forst einquartiert waren. Nach 10 Tagen flüchteten wir weiter bis Cottbus, nach 14 Tagen mussten wir weiter und kamen nach Weißenfels an der Saale (bei Halle). Hier marschierten am 14. April 1945 die USA-Truppen ein und wir hofften, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Wir hatten das Glück, unsere Tochter Lucy, welche beim Zusammenbruch in Posen als medizinische Assistentin arbeitete und von dort aus über 50 km zu Fuß, später mit der Bahn, über Frankfurt/Oder und Berlin bis Erfurt in Thüringen geflüchtet war, durch gemeinsame Bekannte zu finden. Anfang April kam sie zu uns nach Weißenfels. – Zu unserem Schrecken erfuhren wir Mitte Juni, dass dieses Gebiet den Sowjets übergeben werden sollte. So ergriffen wir noch einmal den Wanderstab und flüchteten weiter bis nach Niederbayern (430 km) zu einer mennonitischen Familie Muselmann bei Pfarrkirchen. Es fehlte noch unser ältester Sohn Witold, der sich beim Zusammenbruch in Dänemark befand. Über die Weißenfelser Adresse erfuhr er unseren Aufenthaltsort und erschien zerlumpt und erschöpft bei uns in Niederbayern. So hatte sich die nächste Familie wieder gefunden.
Mein ältester Bruder Siegmund, geb. 1894, wurde mit seiner Frau in Schlesien überholt. Die wütende Soldateska vergriff sich an seiner Frau und, da er einschreiten wollte, wurde er ermordet (19. März 1945) und nachher von seiner Frau in eine Decke gehüllt und von einem edel gesinnten katholischen Priester, ungeachtet der ihm drohenden Gefahren, begraben. Seinem väterlichen und christlichen Zuspruch verdankt die verzweifelte und misshandelte Frau, dass sie am Leben blieb.
Mein jüngerer Bruder Julius, geb. 1901, wurde auf der Flucht aus dem Kreis Kutno auf der Straße nach Posen von den Sowjetpanzern eingeholt, nach Kutno zurückgeleitet, ins Gefängnis gebracht und nach kurzer Zeit nach Russland verschleppt. Östlich von Moskau steckte man ihn in das Straflager Perwomansk im Torfsumpfgebiet, wo er unmenschlich gemartert an seinem 44ten Geburtstag am 29. Mai 1945 verschied und am selben Tag in ein Massengrab geworfen wurde. Seine Frau Johanna mit zwei Töchtern, Alice (geb. 1933) und Irene (geb. 1939), und ihre Mutter, Berta Brubacher, fanden uns in Weißenfels durch die Vermittlung unseres lieben Prof. Dr. B. H. Unruh und flüchteten mit uns zusammen von Weißenfels nach Niederbayern, von wo wir zusammen auswanderten. – Meinen jüngsten und letzten Bruder Richard mit Familie entdeckten wir im Winter 1946 durch Verwandte in Hessen. Auch den einzigen Bruder meiner Frau, Eduard Frey, fanden wir mit Familie im Bayrischen Wald. Dies waren Lichtblicke in unserer Not.
Im Oktober 1945 erfuhren wir durch Bruder Rudja Dick (1948 nach Kanada ausgewandert), dass Bruder C. F. Klassen aus Kanada ihn hier in Bayern aufsuchte und ihm den Auftrag gab, eine Suchaktion zu beginnen, um möglichst alle glücklich geflüchteten Mitglieder unserer Lemberger Gemeinde ausfindig zu machen. Bruder Klassen gab dabei die Versicherung, dass unsere Glaubensbrüder aus Amerika (USA und Kanada) uns helfen möchten und den Versuch unternehmen wollen, uns aus Europa herauszuholen. Diese Tatsache war für uns verhetzte [gehetzte?], heimatlose und verarmte Menschen etwas so Großartiges, dass wir es kaum fassen konnten. Wir dankten mit inbrünstigen Gebeten unserem Allmächtigen für diese neue Lebenshoffnung, die uns unsere Glaubensbrüder aus Übersee brachten. Wir hungerten und hatten keine Garderobe, da brachte in höchster Not das mennonitische Hilfswerk „Christenpflicht“ Hilfe durch monatliche Pakete.
Das Warten auf die Auswanderung dauerte drei Jahre. In Anbetracht dessen, dass ein Zusammenleben der Reste unserer von den Sowjets zertrümmerten Familie (wir 5 Personen, mein Bruder Richard mit Frau Dori geb. Linscheid und drei Kindern, meine verwitwete Schwägerin Johanna mit zwei Töchtern und Mutter sowie der letzte Bruder meiner Frau, Eduard Frey, mit seinen drei verbliebenen Kindern – 2 Söhne hatte er im Krieg verloren) weder in Kanada noch USA gegeben war und wir den Rest des Lebens zusammen sein wollten, entschlossen wir uns zur Auswanderung nach Paraguay, obwohl von dort keine erfreulichen Berichte einliefen. Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten wurden wir am 7. Oktober 1948 in Bremerhaven auf der Volendam eingeschifft, wo wir zu unserer großen Freude erfuhren, dass weitere 700 Mennoniten, darunter die 110 Mitglieder der Lemberger Gemeinde, nach Uruguay kämen.
Der Anfang würde gewiss schwer sein, aber das Gefühl der Freiheit und Sicherheit und ein Leben frei von Angst und Furcht in diesem Lande, erschienen als etwas so Köstliches, dass uns alle anderen Schwierigkeiten gering vorkommen mussten. Wir schätzten uns glücklich, nach den trüben Jahren der Heimatlosigkeit wieder eine Heimat gefunden zu haben. Dieses große Glück verdanken wir nebst dem himmlischen Vater der selbstlosen Opferbereitschaft und Nächstenliebe unserer mennonitischen Brüder aus Nordamerika und dem MCC, welches uns auch hier ratend und helfend zu Seite stehen will. Gott möge unseren Anfang in Uruguay segnen und uns eine Gemeinde zu seiner Ehre aufbauen helfen.
In Handschrift hinzugefügt: „Dies ist in Kürze meine Leidensgeschichte. Es ist nicht leicht, alles Erlittene in Worte zu kleiden: den Schmerz um die verlorenen Lieben und die Heimat, das Grauen der erlebten Bombenangriffe, Hunger, Kerker und Entbehrungen. Es liegt alles hinter mir, aber meine einst blühende Gesundheit ist dahin. Mit 53 Jahren bin ich nun ein kranker, arbeitsunfähiger Mensch“.
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